Eine Frau, die mit Narren schwätzen kann

Seit Jahrzehnten ist Sonja Faber Schrecklein eines der bekanntesten Gesichter des Südwestrundfunks. In der schwäbisch alemannischen Fasnacht kennt sie sich aus wie kaum eine andere und spricht über Dialekt, Nähe und Heimat.

Text: Pascal Cames Fotos: Maxi Höck

Sonja Faber-Schrecklein gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Gesichtern des Südwestrundfunks. Warum? Auch, weil die in Esslingen aufgewachsene und charmant schwäbelnde Reporterin für die Landesschau schon so ziemlich jeden Ort in Baden-Württemberg besucht hat – und dabei auch zahlreiche Fasnachtsumzüge. Mit der 60-Jährigen kann man also herrlich über Heimat, Dialekt und die Schwäbisch allemannische Fasnacht fachsimpeln... 

 

Kompliment, Frau Faber-Schrecklein. Fast jeder kennt Sie. Können Sie das genießen?

Danke! Was heißt genießen? Ich lebe damit. Solange die Leute sich freuen, wenn sie mich sehen, ist es gut. Wenn die Leute irgendwann sagen: „Oh guck, die alt Schrapnell, jetzt kommt sie auch wieder um die Ecke.“ Dann muss man gucken, dass man vielleicht das Weite sucht. (lacht)

 

War Fernsehen Ihr Kindheitstraum?

Nein, um Gottes willen! Nein, das ist einfach so geworden. Eigentlich wollte ich wie jedes Mädchen Tierärztin werden oder wie mein Vater Anwalt. Dann hätte ich aber den ganzen Tag mit Leuten Streit. Das wollte ich nicht. Meine Noten waren auch nicht ganz so gut.

 

Sie volontierten bei der Esslinger Zeitung und wechselten später ins Fernsehen. War Ihnen die Redaktionsstube zu eng?

Nein! Es war die Zeit der Lokalradios und ich war gleichzeitig auch Radio-Moderatorin. Ein späterer Kollege vom Süddeutschen Rundfunk fragte mich: „Wir brauchen für die neue Abendschau (ab 1991) noch eine Moderatorin. Lust?“ Ich dachte: Mein Gott, ist das eine blöde Anmache ...

 

Sie haben ihn abblitzen lassen?

Ja. Aber irgendwann hat mein späterer Chef bei mir angerufen und mich zum Casting eingeladen. Ich war dort und sie haben mich genommen.

War Ihr schwäbischer Dialekt dafür hilfreich?

Wenn ich will, spreche ich auch astreines Schriftdeutsch, weil ich so aufgewachsen bin. Unser Vater hat uns dazu erzogen, Hochdeutsch zu sprechen. Aber mit der Mama haben wir Schwäbisch gesprochen.

Dann sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Sozusagen. Aber damals war Dialekt nicht angesagt. Sonntagmorgens hatte ich bei Radio ES eine kleine Rubrik mit Dialektgedichten und anderen Dialektsachen. Ich dachte mir: „Ich lebe ja hier und wir sind in einem Lokalradio. Warum immer auf Hochdeutsch?“ Es ist ja schade, weil ja viel, viel Dialekt verloren geht.

 

Waren Sie beim Süddeutschen Rundfunk genauso locker?

Damals habe ich in der einen oder anderen Folge das Schwäbisch ausgepackt. „Hey, einmal in der Woche darfst du“, hat es geheißen. Und dann war es zweimal, und irgendwann habe ich gedacht: „So, jetzt mache ich das halt.“ Das hat dann sogar den Partnern vom „badischen Fernsehen“ gefallen. Es gab damals im Radio ganz wenig Dialektförderung. Die Badener haben gesagt: „Das ist doch das Schwabenmädchen. Guck, wie schön die schwätzen kann.“

 

Hat Dialekt etwas mit Heimat zu tun?

Es hat mit Nähe zu tun. Nähe ist auch Heimat. Wenn die Menschen in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden, dann fühlen sie sich mehr zu Hause. „Oh, guck, die schwätzt wie ich“ oder „Die schwätzt ja noch einen viel schlimmeren Dialekt wie ich. Da brauche ich mich ja gar nicht schämen.“ So kommt man an die Menschen viel besser heran und es ist dann wurst, ob ich meinen Esslinger Dialekt in Durbach rede oder auf der Alb. Wir haben ja in Baden-Württemberg die reichste Sprachgestaltung, die es gibt, von Kurpfälzisch bis Allgäuerisch, von Fränkisch bis Alemannisch, fast schon Schweizerdeutsch, von fast Elsässisch bis fast Bayerisch.

 

Die Fastnacht in Baden Württemberg ist genauso vielfältig, oder?

Ja, natürlich. 

 

Fanden Sie die Hexen früher auch so unheimlich?

Ich habe Angst gehabt vor den Neuhauser Hexen. Wenn ein Fastnachtsumzug war, bin ich bei meiner Mutter hintenrum geschlüpft. Inzwischen habe ich keine Angst mehr, sondern Respekt. Respekt vor der Ausdauer vieler Narren und vor ihren Bräuchen – und überhaupt diese Leidenschaft! Es gibt ja genug Menschen, vorwiegend Intellektuelle, die sagen, das ist ja alles Schnee von gestern. Das brauchen wir nicht.

 

Warum sehen Sie es anders?

Menschen brauchen Traditionen. Ein Brauch kann nur leben, wenn er sich weiterentwickelt, und die Fastnacht entwickelt sich immer weiter. Manche (Narrenzünfte) bleiben ein bisschen stehen, aber die Jungen sorgen für Bewegung.

 

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Fastnachter?

Ich denke, dass mindestens 50 bis 60 Prozent der Bewohner von Baden-Württemberg in irgendeiner Form Fastnacht feiern. Ich glaube, es sind sogar noch mehr. Dann gibt es noch das andere Drittel, das immer meint, das ist ja alles immer nur mit Alkohol lustig. Man kann doch auch ohne Alkohol fröhlich sein und so weiter und so fort. Ja, natürlich, aber darum geht's ja auch in der Fastnacht gar nicht.

 

Worum geht’s?

In der Fastnacht geht's darum, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Manchmal wird auch ein Schluck Alkohol getrunken, ja, vielleicht auch mal zwei, vielleicht auch mal mehr. Aber da gibt's keine Raufereien wie beim Fußball.

 

Sie waren bis vor elf Jahren SWR-Straßenreporterin. Was braucht man dafür außer gute Schuhe?

Menschen mögen und interessiert sein. Nicht denken, man sei der Nabel der Welt und die Fragen, die man stellt, seien die allertollsten, sondern man will ja was von den Leuten wissen. Man will eine Gemütslage erfahren, man will einen Stimmungsbericht hören. Es geht darum, die Menschen zu Wort kommen zu lassen und nicht selber zu viel zu reden.

 

Warum haben Sie aufgehört?

Man muss immer dann gehen, wenn's am schönsten ist. Und nach 20 Jahren hab ich gedacht, hm, jetzt ist gut, jetzt geh ich in den Hintergrund.

 

Reizt es Sie, mitzumachen oder gar eine Zunft zu gründen?

Nein! Ich bin immer die, die von außen draufschaut. Ich bin kein Narr, sondern die, die über Narren berichtet. Das ist ein Unterschied.

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