Drei Mann im eig'nen Boot

An einem Sommertag auf der Elz von Riegel nach Kenzingen gleiten. Zwischen Weiden, Wildtieren und durch scheinbaren Urwald. Was will man mehr? Na, vielleicht noch das Boot selbst bauen…

Text: Thomas Glanzmann · Fotos: Baschi Bender

So ein bisschen fühle ich mich wie ein Indianer im Westernfilm, wie wir so über das Wasser gleiten. Dabei habe ich die Survival Challenge (Seite 104) zu dem Zeitpunkt noch lange nicht gemacht. Und das, was ich hinten an meinem Kopf spüre, ist auch keine Feder, sondern nur das Brillenbändchen, das mein Nasenfahrrad vor dem Absturz in die Tiefen des Flusses bewahren soll. Der Fluss zu guter Letzt heißt in unserem Fall auch nicht Mississippi oder Colorado River, sondern Elz (mit l!) und bringt uns auf unserer Route von Riegel am Kaiserstuhl nach Kenzingen. Aber das erfrischende Gefühl in dem Kanu ist hier bestimmt genauso gut wie in Kalifornien, New Mexico, Louisiana oder überall sonst, wo es außen brüllend heiß ist, aber auf dem Rücken des Wassers so schön kühl und ruhig.

Es ist nicht unser eigenes Boot, in dem Kollege Marco, unser Bootsbauexperte Franz-Josef Huber und ich sitzen. „Aber wenn es euch gefällt, könnt ihr euer eigenes bauen“, sagt Franz-Josef. Also auf zum Kurs ins Waldhaus nach Freiburg!

Mit Fotograf Baschi schaue ich wenig später im Herbst dann tatsächlich in der Grünholzwerkstatt der Stiftung Waldhaus Freiburg vorbei. Jeden Herbst findet dort der Bootsbaukurs statt. Wir wollen wissen: Wie baut man so ein Boot? Und was haben die Teilnehmer des Bootsbaukurses anschließend damit vor? Denn schließlich dauert der Kurs immerhin fünf Tage, kostet fast 1000 Euro und die Teilnehmer kommen auch nicht alle aus einem Freiburger Nachbarort dreisam-abwärts, wo sie ihr neues Gefährt so einfach hinschippern könnten. Das alles finden wir heraus – doch zuerst starten wir noch einmal in Riegel …

Aus Weißtanne

„Das gute Boot beginnt beim Holz“, erklärt uns Franz-Josef am Frühstückstisch. „Wir arbeiten mit astreiner Weißtanne von den Tannenexperten Echtle aus Nordrach, ein wenig Fichte und ohne Leim.“ Wie die anderen Kursteilnehmer hat der Schreinermeister, technische Lehrer und Leiter der Grünholzwerkstatt des Waldhauses auch uns zu sich und seiner Frau Angelika nach Hause eingeladen. Manche Kursteilnehmer übernachten sogar bei den Hubers, auch Kursleiter Thomas Grögler sitzt am Tisch. Er reist quer durch Europa, um Interessierte die Kunst des Bootsbaus zu lehren und ist ein gern gesehener Gast im Waldhaus. Vorab verrät uns Franz-Josef noch einen allgemeinen Trick im Holzbau: „Um Holzteile ideal miteinander zu verbinden, verkeilt man trockenes Holz in frischem, grünem Holz. Wenn es trocknet, schwindet das bis dato frische, grüne Holz, es wird enger. Das hält sogar noch besser als mit einem Dübel.“ Beim Frühstück lernen wir dann noch drei weitere Kursteilnehmer kennen – und ein paar von Franz-Josefs Anekdoten. Dann sind wir ready für den Kurs! 

Von Form bis Fahrt

Der Kurs beginnt an Tag 1 mit der äußeren Form des Boots. Mit der Kreissäge werden die Bretter zugeschnitten, danach mit der Dickenhobelmaschine auf 16 Millimeter ausgehobelt. Mit geübtem Auge helfen Thomas und Franz-Josef ihren Schülern dann, die Bretter ihrer natürlichen Durchbiegung nach zu sortieren: Wird es ein linkes Brett oder ein rechtes? Und welches andere Brett ist dazu das ideale Gegenstück? Abends werden die an den Enden verklebten Bretter mit einem Sprieß auf Abstand gehalten.

Am zweiten Tag folgt dann der passgenaue Einbau der Duchten, auf denen später die Sitzbretter aufgelegt werden. Eine anspruchsvolle Aufgabe oder wie Thomas es sagt: „Perfektionisten können sich hier gern mal verkünsteln.“

Am dritten Tag bekommt das Boot seinen Boden aus dreischichtigem Fichtenholz aufgesetzt, in die Duchten sägen wir kleine Dreiecke, damit sich einlaufendes Wasser später im Boot verteilt und das Boot nicht einseitig im Wasser liegt. Dann werden die Sitzbänke final eingepasst.

Tag 4 ist für die Restarbeiten – Kanten bearbeiten, die Vernietung mit rostfreien Kupfernägeln vorn und hinten – und: Das Boot wird geölt. Tag 5 beginnt mit dem Aufräumen und endet mit der Probefahrt und vielen stolzen Lächeln.

Wir steigen bei Tag 3 ein, sägen mit an den Dreiecken unten im Boot und schauen den Kursteilnehmern über die Schulter. Da sind zum Beispiel Martin, 61, und Sohn Eric, 28, aus Wasenweiler. Martin sagt: „Es ist schön zu sehen, wie das Boot Gestalt annimmt. Am ersten Tag kommt ein Stapel Bretter und schon am Abend steht die äußere Form.“ Mit ganz ruhiger Stimme fragen sie sich abwechselnd nach dem Bleistift zum Einzeichnen der Sägestellen.Das muss die meditative Wirkung sein, von der Franz-Josef schon beim Frühstück erzählt hat. 

Bernd aus Geislingen hat da schon mit dem Aussägen der Dreiecke begonnen. Der 58-jährige Lehrer und Waldpädagoge ist alleine zum Kurs gekommen: „Ich bin Wiederholungstäter hier“, sagt er. Nach einem Stuhlbaukurs im Waldhaus habe ihn Franz-Josef per Probefahrt vom Bootsbau überzeugt. „Jetzt in meinem Sabbatjahr hat es endlich hingehauen. Nur, ich weiß noch gar nicht, wie ich das Boot nach Hause bringe. Vielleicht nehme ich ja doch den Weg übers Wasser.“ Bernd ist mit einem Twike hier, einem elektrischen Fahrzeug, das eher einer Zigarre als einem Auto ähnelt. Das Boot einfach aufzuladen, ist da nicht drin. „Du baust das Boot fürs Wasser“, sagt Franz-Josef und grinst. Ich helfe Bernd währenddessen mit den Drei-ecken und stelle fest, dass das nicht ganz einfach ist mit dem Sägen. Ich stehe im Boot und säge am übernächsten Brett vor mir. Eine Seite wird genauer, eine weniger genau. „Das passt schon so“, sagt Bernhard und ich erinnere mich daran, was Kursleiter Thomas heute schon in anderem Zusammenhang gesagt hat: „Passungen sind immer schwierig im Holzbau, weil das Holz nämlich quillt.“ Auf Teufel komm raus passgenau zu sägen, wäre für das Boot daher manchmal gerade der falsche Ansatz. 

Es muss einfach nur passen

Dieser entspanntere Umgang mit dem rechten Winkel reizt auch Volker und Marius. Der 60-jährige IT-Ausbilder und sein 32-jähriger Sohn, der als Unternehmensberater arbeitet, sind für den Kurs extra aus Dortmund gekommen. Auf dem Westweg haben sie zuvor Martin und Eric kennengelernt und sich dazu entschieden, mit ihnen gemeinsam den Kurs zu machen. „Hier geht es mal nicht um den rechten Winkel und nicht alles ist messbar“, sagt der ITler. „Wir müssen es einfach nur so machen, dass es passt. Das ist die einzige Regel.“

Ganz beschäftigt an der Bodenplatte arbeiten dann noch Frank, 50, und Johannes, 14, aus Tutschfelden sowie das Rentnerehepaar Dieter und Claudia aus Worms. Die beiden sind im Geiste schon jetzt dort, wo unsere Erfahrung mit dem handgemachten Holzboot begonnen hat: mitten auf dem Wasser! „Wir werden damit in Rheinhessen fahren“, freut sich Claudia.

Profi-Kapitäne

Kursleiter Thomas Grögler lebt selbst auf einem Schiff, zur Zeit des Bootsbaukurses in Freiburg liegt es in Griechenland vor Anker. Seit seinem ersten Lehrauftrag für praktische Holzarbeiten mit damals 23 Jahren gibt er Kurse wie unter anderem den für den Bau eines Kanus und reist dafür vor allem durch Deutschland und Österreich. Der Kurs, den er im Waldhaus in Freiburg gibt, reiht sich ein zwischen weitere Holzbaukurse, die der Schreinermeister und technische Lehrer Franz-Josef Huber mal organisiert, mal selbst gibt. Darunter Stuhl- und Schlittenbaukurse. Auch nur Boot fahren geht.

Mehr über die Holzbaukurse: www.waldhaus-freiburg.de

#heimat Schwarzwald Ausgabe 33 (4/2022)

Wir feiern den #heimat-Sommer – und entdecken die Karibik vor unserer Haustür. Wo genau? Das müsst Ihr unbedingt in unserer neuen Ausgabe nachlesen! Dass wir noch mehr für die heißen Tage für Euch haben, keine Frage! Heiße Burger zum Beispiel aus Karlsruhe. Oder heiße Reifen bei unserem kleinen Enduro-Abenteuer. Und unsere Füße haben wir uns auch noch ganz heiß gelaufen, darauf ein kühles Bier aus Ottersweier – von Männern, die sich was brauen. Ihr seht schon: Mehr #heimat-Sommer geht kaum. Also lasst ihn uns genießen!

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