Die Fächerstadt entdecken: Ein Wochenende in Karlsruhe

Barocke Planstadt, Synonym für Rechtsstaat, Hightech-Zentrum: Am nördlichen Rand des Schwarzwalds verbindet Karlsruhe gestern, heute und morgen

Text: Imke Rosebrock · Fotos: Jigal Fichtner

Karlsruhe ist schön, doch, wirklich! Auch jetzt, in diesen Monaten und Jahren, in denen die Stadt ihre Besucher nicht gerade mit Postkartenidyll empfängt. An zahlreichen Großbaustellen wird tiefgebaut, hoch gemauert, umgeleitet. Es gilt, sich an der Unruhe vorbeizuschlängeln, um zu den Kleinoden, Perlen, Ruheinseln zu finden – doch davon gibt es in Karlsruhe so manche!

Tag 1

Freitag, 16:30 Uhr

Zahlreiche Hotels in allen Preisklassen sind rund um den Bahnhof angesiedelt, ein guter Ausgangspunkt, um sich die Stadt mit den öffentlichen oder zu Fuß zu erschließen. Nur ein paar Schritte, versteckt in einer ruhigen Seitenstraße zwischen dem altehrwürdigen Schlosshotel und dem Zoologischen Stadtgarten: die kleine Takeaway-Zweigstelle der Patisserie Ludwig. Einrichtung und Auslage sind luftig, hell, hip. Und knallig: Ob kunstvoll kredenzte Törtchen oder farbenfrohe Macarons, fluffige Schokocroissants oder die hauseigenen Aufstriche und Schokoladen, die Wahl fällt wie immer schwer. Der Winternachmittag ist schnell zu Ende, draußen wird es schon dunkel und es hei t: Lust auf Stadt, auf Lichter und Leute. Die Tram braucht nur wenige Minuten in die City. Ein Blick auf den Stephanplatz lohnt, wo häufig was los ist: Wochenmarkt, Kunsthandwerkermarkt, Flohmarkt, Street-Food-Festival, Public Viewing. Hier (etwas südlich der Kaiserstraße, der großen Ost-West-Magistrale und Fußgängerzone mit den üblichen großen Ketten und Stores) macht der Schaufensterbummel noch Spaß!

Freitag, 19:30 Uhr

An der Erbprinzenstraße erstreckt sich der Platz rund um die Kirche St. Stephan, einem der vielen Bauten von Friedrich Weinbrenner, der seit dem späten 18. Jahrhundert mit zahlreichen öffentlichen Bauten der Stadt seinen architektonischen Stempel aufdrückte. Gleich daneben: das Kammertheater, eher leichtere Kost, Komödien, Musicals. Ich belasse es beim Abendessen: Im Foyer mit seiner hohen Decke bietet die Alte Bank Klassiker – für mich bitte einen Burger! Gemütlich wird es danach im KofferRaum, die Cocktailbar in der Hirschstraße ist rappelvoll, doch nette Gäste rutschen auf den hohen Ledercouches ein wenig zusammen. Die Karte ist hier ebenso exquisit wie das Personal aufmerksam. Classics wie einen Mai Tai oder doch den Drink der Woche probieren, eine Whisky-Kreation mit Schwarzwaldkirschwasser? Alles sehr lecker!

Tag 2

Samstag, 10:00 Uhr

Heute steht Frischluft auf dem Plan. Rund um den Ausstieg Tullastraße wird – natürlich – gebaut. Doch es sind nur wenige Schritte, bis ich auf einmal fast alleine bin und die herrliche Winterluft in Ruhe genießen kann. Auf dem Areal des Alten Schlachthofs haben sich inzwischen die Kreativen in den Backsteinhallen eingemietet, Künstler, Agenturen, Restaurants und Clubs. Südlich des Geländes beginnt der Otto-Dullenkopf-Park, ein breiter Grünstreifen, weit und offen. Vorbei am Schloss Gottesaue, einmal über den hässlichen großen Kreisel, wieder hinein in den nächsten Grünstreifen. Hier ist das Quartier City Park innerhalb weniger Jahre aus dem Boden der früheren Bahn-Werkstätten geschossen, viel Glas, viele Büros, große Wohnblocks – aber auch viel Grün dazwischen.

Samstag, 12:00 Uhr

Jetzt will ich einen Kaffee. Mit der Tram geht es nach Durlach, den ältesten und größten Stadtteil Karlsruhes, der sich an die Hänge des Nordschwarzwalds schmiegt. Vor über 800 Jahren erstmals urkundlich erwähnt, ab 1565 Residenzstadt, gründete Markgraf Karl III. von hier aus seine neue Residenz Karlsruhe. Ich liebe die Altstadt, sie ist klein und schnuckelig, unaufgeregt. Mein nächstes Ziel: die Kleine Feinschmeckerei. In dem Café, direkt hinter der Theke, kocht der Chef noch selbst. Das hausgemachte Pesto ist fantastisch, fast alles hier ist hausgemacht, vieles aus eigenem Anbau. Das urige Brot mit Wildschweinleberwurst schmeckt hervorragend, der mit Liebe handgeschäumte Milchkaffee ebenso.

Samstag, 13:30 Uhr

Mein Spaziergang geht weiter durch die kleinen Gassen der Altstadt, dann über den Platz der Karlsburg, den früheren Sitz der Markgrafen. Von Frühjahr bis Herbst ist hier allmonatlich ein toller Flohmarkt, auf dem viele Privatverkäufer ihren Kruscht anbieten. Mich zieht es rüber zum Schlossgarten. Der kleine Park ist im Sommer mit seinen alten, hohen Bäumen ganz wunderbar schattig, und auch im Winter ein schöner Ort zum Seele baumeln lassen.

Samstag, 15:00 Uhr

Jetzt heißt es hoch hinaus: Die über 500 Stufen des alten Stäffelewegs führen hinauf auf den Turmberg, der je nach Meinung noch gerade so zum Schwarzwald oder doch schon zum Kraichgau gehört. Bequemer ist es mit der Turmbergbahn, einer Standseilbahn von 1888, vorbei an Rebstöcken des Staatsweinguts Karlsruhe-Durlach. Von der Aussichtsplattform der alten Burgruine hier oben ist die Aussicht grandios! Je nach Wetterlage reicht der Blick bis in die Pfalz, linker Hand liegen die Gipfel des Schwarzwalds, in der Ebene zieht sich Karlsruhe bis an den Rhein. Im Sockel der Ruine betreibt Sören Anders sein Restaurant Anders auf dem Turmberg, im Hof-Bistro auf der Außenterrasse sitzt es sich mollig auf Schaffellen. Bei Glühwein und Wildgulasch geht die winterliche Sonne unter und färbt die Aussicht in Gelb und Orange.

Samstag, 19:00 Uhr

Für den Abend lohnt sich der Weg ein wenig raus aus der Karlsruher Innenstadt. In der früheren Gaststätte der Dammerstock-Siedlung, vor 90 Jahren als Modellsiedlung des Neuen Bauens unter Walter Gropius errichtet, betreibt das Ehepaar Gallotti das Erasmus samt kleinem Feinkostladen. Slow Food, regional, nachhaltig, bio, viel Wissen über die verwendeten Rohstoffe, viel Liebe zum geschmacklichen Detail. Der Chef empfiehlt mir Rote-Bete-Gnocchi, geschmorten Fenchel und frittierten Grünkohl, und ich bin absolut begeistert: wirklich vom Feinsten!

Tag 3

Sonntag, 10:00 Uhr

Direkt am Zoo, mit Blick auf possierliche Gazellen, sorgt das liebevoll eingerichtete Tante Emma für ein gemütliches Frühstück in familiärer Atmosphäre. Ich könnte stundenlang Zeitung lesen, entspannen. Aber ich habe noch was vor ... Gestärkt und aufgewärmt geht es in einer gut halbstündigen Tramfahrt westwärts zum Rhein. Das weitläufige Gelände des Rheinstrandbads auf der Altrheininsel ist wunderbar schön – eine tolle Atmosphäre, fast magisch! Ganz in der Nähe, mitten im Wald: Das Naturschutzzentrum Rappenwört mit seiner Architektur aus der Bauhaus-Ära, das über das Ökosystem der Auenlandschaft aufklärt. Unbedingt hingehen!

Sonntag, 13:00 Uhr

Hunger! Zurück in der Innenstadt, nur ein, zwei Seitenstraßen vom Schloss entfernt, ist das Café Max in einem modernen Anbau des Prinz-Max- Palais eine gute Adresse. W re das Wetter nicht so winterlich, würde ich mich in den schönen Garten setzen.

Sonntag, 14:30 Uhr

Nach zwei Tagen Fußmärschen und Frischluft ist nun Zeit für klassisches Sightseeing, gerne in beheizten Räumen. Die Staatliche Kunsthalle mit Werken aus mehreren Jahrhunderten – oft in Sonderausstellungen neu in Bezug gesetzt – ist der perfekte Ort zum Schauen und Sinnieren. Wieder draußen, die historischen Glashäuser des Botanischen Gartens im Rücken, fällt der Blick auf den Gebäudekomplex des Bundesverfassungsgerichts. Von hier, der Grundfeste des bundesrepublikanischen Rechtsstaats, bis zum Schloss, das den Wunsch seines Bauherren nach absolutistischer Macht ausatmet, sind es nur wenige Schritte – und doch liegen Welten dazwischen. Durch den Park und über den Schlossplatz laufen sie, die anzugtragenden Juristen und Beamten, die lässig-lockeren Studis und Wissenschaftler aus aller Welt, die gleich ums Eck in den Instituten von KIT und Hochschule lernen, lehren und forschen. Karlsruhe ist in Bewegung, wandelt sich, bleibt nicht stehen – darin liegt eine ganz besondere Schönheit.

Unsere Tipps für Karlsruhe


Pâtisserie Ludwig

knallige Törtchen und Macarons
Am Stadtgarten 15

Alte Bank

Snacks und Drinks zum Theaterbesuch
Herrenstraße 30

Kofferraum

gemütliche Cocktailbar
Hirschstraße 17

Alter Schlachthof

Kreativpark, abends Clubs und Kneipen
Südlich der Durlacher Allee

Otto-Dullenkopf-Park

weitläufiges Areal
Schlachthausstraße 9a

Kleine Feinschmeckerei

Hausgemachtes
Amthausstraße 7

Turmbergbahn

Talstation der Standseilbahn
Turmbergstraße 18

Anders auf dem Turmberg

Feine Küche, toller Blick
Reichardtstraße 22

Erasmus

nachhaltiges Restaurant und Laden
Nürnberger Straße 1

Tante Emma

gemütliches Café, lecker selbstgemacht
Am Stadtgarten 11

Altrheininsel Rappenwört

Endstation Linie 6 – Daxlanden Rappenwört

Schloss Karlsruhe

Kunsthalle, Verfassungsgericht, alles auf einmal
Schlossbezirk 10

 

#heimat Schwarzwald Ausgabe 18 (1/2020)

SUPPENZEIT! Schließlich gibt’s im Winter nichts Schöneres! Zudem gehen wir rodeln und lassen auch ein paar ganz schnelle Hunde den Schlitten ziehen …

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In der Zeitschrift #heimat geht es um Genuss in der Region, um (kulinarische) Traditionen und gute Adressen, um Manufakturen und Menschen. Idee und Konzept für #heimat stammen von Chefredakteur Ulf Tietge und seinem Team. Das Magazin wurde 2016 mit dem Ortenauer Marketingpreis ausgezeichnet und ist inzwischen bundesweit erhältlich.

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