Bauernproteste: Um was geht es wirklich?

Unseren Bauern reicht’s. Aber geht es wirklich nur um Diesel? Das haben wir eine junge Schwarzwälder Landwirtin gefragt

Oben im Linachtal hinter Furtwangen hat’s einst angefangen. Mit der Biomilch von den Schwarzwälder Bergbauern und einer neuen Idee für die Landwirtschaft der Zukunft. Extensive Bewirtschaftung mit völligem Verzicht auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel – in den 1990er-Jahren geradezu revolutionär. Neun Betriebe machten damals mit und bildeten mit etwa einer Million Litern Milch das Fundament für den Aufbau des Bio-Sortiments der Schwarzwaldmilch. Eine Erfolgsgeschichte, die so niemand voraussagen konnte, und auch das hat die Bauern im Tal zusammengeschweißt.

Aber hat Landwirtschaft eigentlich Zukunft? Vor allem bei uns im Schwarzwald, wo die Felder klein und die Täler eng sind? Wo es zwar viele fleißige Menschen gibt, aber eben auch viele Jobs, mit denen man einfacher Geld verdienen und Karriere machen kann? Um das herauszufinden, haben wir uns mit Anna Klausmann verabredet. 20 Jahre jung. Landwirtin in vierter Generation und oben in Furtwangen daheim, wo die Klausmanns auf 800 Metern Höhe ihre 45 Kühe halten, Bio-Milch produzieren und die grüne Landtagsabgeordnete Martina Braun als Nachbarin haben, die in Sachen Agrarpolitik auch einiges zu erklären hat. 

Anna, warum wirst du Landwirtin?

Weil es mir Spaß macht. Ich bin mit Herzblut dabei, mich hat die Landwirtschaft schon immer fasziniert und Papa hat mich einfach von klein auf mitgenommen und einbezogen. 

Und wie sieht heute dein Tag auf dem Hof aus? 

Wir stehen etwa um halb sechs auf, gehen in den Stall und frühstücken dann gegen acht Uhr alle gemeinsam. Anschließend macht man halt die Arbeiten, die so anfallen. Abends gehen wir noch mal in den Stall und dann ist Feierabend.

Klingt nach mehr als acht Stunden…

Das bestimmt, aber jetzt fix zu sagen, wieviel ich arbeite: Das kann ich gar nicht. Ich mache ja noch die Meisterschule nebenbei und insofern schwankt das ziemlich. Mal mehr, mal weniger. Aber ist das wichtig?

Anderen schon. Wie steht’s bei dir um Urlaub und Freizeit? 

Da kann ich mich nicht beklagen, aber wir sind als Familie auch gut aufgestellt. Oma und Opa sind noch stämmig dabei und das auch mit über 80. Die sind immer im Stall und eine große Unterstützung. Auch mein Onkel. Jeden Abend und am Wochenende morgens. Dazu der Papa und meine Geschwister. Und dadurch ist es möglich, auch mal Freizeit zu haben. Wenn ich in den Urlaub will oder mal einen freien Tag brauche – das geht schon. Und wenn der Papa mit der Mama übers Wochenende wegwill, auch kein Problem. Wir anderen sind ja da.

Du bist 20, gehörst zur Generation Z. Für viele andere in deinem Alter ist eine Vier-Tage-Woche das höchste der Gefühle …

Ich glaube, vielen ist ihre Work-Life-Balance wirklich wichtig und der Job halt nur ein Job. Ich kann das einerseits schon nachvollziehen – andererseits: Das hier ist mein Zuhause. Und wenn ich im Sommer mal spontan ins Schwimmbad will, das geht auch!

Und was verdienst du? Oder besser: Was bleibt der Familie am Ende als Überschuss? In Nachrichten, Talkshows und auf Social Media ist parallel zu den Bauernprotesten schließlich eine Neiddebatte entbrannt und plötzlich hieß es: Den Bauern geht’s doch gut – was wollen die denn …

Ich glaube: Schlecht gehen tut es uns nicht. Aber was genau hängen bleibt, ist sehr unterschiedlich von Jahr zu Jahr. Das kann man kaum einschätzen.

Aber du wirst doch wissen, was du monatlich zum Leben hast.

Momentan etwa 700 Euro. Aber das hängt auch mit der Meisterschule zusammen und man darf nicht vergessen: Ich wohne mietfrei hier auf dem Hof, esse mit der Familie und komme so auch gut über die Runden. Und wenn ich mal für irgendetwas mehr Geld bräuchte, würden meine Eltern mich auch unterstützen. 

 

An dieser Stelle muss man vielleicht auch mal Statistiken zurate ziehen und ein bisschen aufdröseln, was es mit den zuletzt viel zitierten 115 400 Euro Betriebsergebnis auf sich hat, die ein Haupterwerbsbetrieb im Wirtschaftsjahr 2022/23 durchschnittlich eingefahren hat. Denn wie bei den Klausmanns im Linachtal arbeiten in vielen Betrieben mehrere Familienmitglieder mit, ohne dass jedem ein konkretes Gehalt ausgezahlt wird. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat daher ausgerechnet, wie hoch das Einkommen pro Arbeitskraft ist – und landete zuletzt bei 46 118 Euro je Arbeitskraft für eine durchschnittliche Arbeitszeit von 46,7 Wochenstunden. Neben regionalen Unterschieden (die Bauern im Norden verdienen deutlich besser als im Süden) gibt es auch eine Differenz zwischen konventionellen und Ökobetrieben: Ökobetriebe erwirtschafteten durchschnittlich 40 392 Euro je Arbeitskraft, konventionelle Betriebe 49 059 Euro.

Mit Zahlen wie diesen muss Martina Braun auch immer wieder jonglieren. Denn Anna Klausmanns Nachbarin sitzt als Abgeordnete für die Grünen im Landtag, ist Sprecherin für Tierschutz, als Agrarexpertin seit Neuestem eine sehr gefragte Interviewpartnerin, und von daher stellen wir ihr doch einfach auch mal ein paar Fragen … 

Martina, wie siehst du das: Bekommen unsere Landwirte, was sie verdienen?

MB: Das kann man so nicht beantworten. Wenn am Ende für eine Arbeitsstunde in der Milchwirtschaft nur fünf Euro überbleiben, ist das natürlich zu wenig. Aber die Diskrepanz bei den Einkommen hängt eben auch mit den öffentlichen Zahlungen und deren Strukturierung zusammen. Die erste Säule der europäischen Agrarpolitik ist auf flächenstarke Agrarbetriebe ausgerichet. Je mehr Land man hat, desto größer ist der Grundstock, von dem aus man kalkulieren kann. Ich aber glaube, es wäre besser, wenn man die 20 Prozent der ersten Säule an ökologische Leistungen knüpft.

Und doch bin ich gestern an einem Schild vorbeigefahren. „Grün-Rot ist des Bauern Tod“ stand da drauf. Das ist schon deutlich … 

MB: Ja, und es tut weh, so etwas lesen zu müssen. Aber das ist gerade die Stimmung: Die Grünen sind an allem schuld. Wir sind die, die alles abkriegen, ohne dass reflektiert wird, ob etwas wirklich auf unserem Mist gewachsen ist. Seit ich aus der Stadt aufs Land bin, aus der Apotheke raus und auf den Bauernhof, verfolge ich Agrarpolitik. Das sind jetzt 45 Jahre. Wir sind seit Jahrzehnten in die falsche Richtung unterwegs. Immer ging’s um wachsen oder weichen und immer länger sitzen die Landwirte in ihren Agrarbüros, um ihre Fördergelder zu beantragen, Sanktionen zu vermeiden und der ganzen Bürokratie zu entsprechen. Dabei wären die Landwirte viel lieber bei ihren Tieren oder mit dem Traktor auf dem Feld – und daraus erwächst viel Frust. 

Aber auch das spricht doch eher für große Betriebe …

MB: Es ist ein Irrglaube, einfach blind auf Skaleneffekte zu vertrauen. Es stimmt einfach nicht, dass man mit 60 Kühen automatisch doppelt so erfolgreich ist und mehr Gewinn macht als mit 30. Dafür spielen individuelle Faktoren eine viel zu große Rolle.

Du als Politikerin: Kannst du sagen, was in Sachen Agrarpolitik in den vergangenen Jahren gut gelaufen ist?

MB: Aber klar! Ich bin der Meinung, dass es im Bereich des Tierwohls und der Ökologisierung der Landwirtschaft gute Fortschritte gegeben hat. Peu à peu. Denn das ist natürlich auch ein Prozess – aber der läuft.

Haken dran beim Tierwohl – aber was die Ökologisierung angeht: Da brauchen wir übers Ziel nicht streiten, doch der Weg dahin führt über noch mehr Bürokratie und noch mehr Subventionen. Die öffentliche Förderung für konventionelle Betriebe liegt aktuell bei 43 Prozent, für Bio-Betriebe sind es 68 Prozent. Das kann doch auf Dauer nicht gesund sein.

MB: Ist es auch nicht, und deswegen müssen wir über die Erzeugerpreise reden. Denn wir bekommen für unsere Erzeugnisse einfach nicht den Preis, den wir bräuchten. 60 Cent für den Liter Biomilch sind einfach zu wenig …

Zumal an der Supermarktkasse das Dreifache bezahlt werden muss?

MB: Wir haben absolute Rekordpreise im Handel und gleichzeitig sind die Erzeugerpreise im vergangenen Jahr brutal gedrückt worden und zurückgegangen. Das stimmt. Und dann ist es der Staat, die Allgemeinheit, die für dieses Delta einspringen soll. Das kann nicht richtig sein. Wir müssen es schaffen, dass landwirtschaftliche Produkte fair vergütet werden. 

Wie siehst du das, Anna?

AK: Es sind nicht nur die Preise an sich, es sind auch die Unsicherheit und die Abhängigkeit. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Milch abgeholt wird. Wir können nicht kalkulieren und einen Preis festlegen – bei uns wird das Produkt abgeholt und dann bekommen wir eine Info, was wir dafür bekommen werden. 

Und zu dem System gibt es keine Alternative?

AK: Es gibt immer einen, der es billiger macht. Und wenn es nicht Produkte von hier sind, dann wird eben importiert, und all das, was wir an Standards und Vorgaben erfüllen müssen, spielt dann keine Rolle mehr. 

Gibt es von Seiten der Politik eine Idee, dieses Dilemma zu lösen?

MB: Die Lösung habe ich nicht. Aber wir sind dabei und haben mit dem Strategiedialog Landwirtschaft einen Lösungsweg beschritten. Im Kern geht es darum: Wie kriegen wir den Handel dazu, dass er seiner Verantwortung gegenüber seinen Kunden und seinen Lieferanten gerecht wird?

 

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe wird sich in den nächsten 20 Jahren mehr als halbieren, sagen Ökonomen. Das Problem: Vor allem kleine Betriebe verschwinden, sie können (oder wollen) die hohen finanziellen Anforderungen und Investitionen nicht erfüllen, die sich aus immer neuen Verordnungen, Richtlinien und Standards ergeben. Vor allem im und rund um den Schwarzwald ist das ein Problem, denn hier gibt es noch sehr viele Nebenerwerbsbetriebe. Dass gerade die Landwirte im Südwesten betriebswirtschaftlich mit der roten Laterne unterwegs sind, passt nicht so recht zum Selbstverständnis von the Länd – ist aber schnell erklärt: Im Norden und Osten sind die Betriebe deutlich größer, und während es Milchbauern und Mastbetrieben wirtschaftlich oft gut geht, sei die wirtschaftliche Situation in Obst- und Weinbetrieben geradezu dramatisch und auch der Ackerbau bereite Sorgen, sagt Joachim Rukwied, der aus Heilbronn stammende Präsident des Deutschen wie des baden-württembergischen Bauernverbands.

Wenn ich mir anschaue, mit welcher Wut im Bauch die Landwirte aktuell protestieren, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Strategiedialog schon eine Erfolgsgeschichte ist. Gibt es nicht mehr Möglichkeiten, als nur zu reden oder zu protestieren?

MB: Es gibt noch den Paragrafen 148, der Gemeinsamen Marktorganisation. Der besagt, dass Rohmilchlieferungen nur und ausschließlich aufgrund schriftlicher Verträge erfolgen dürfen. Darin können dann auch die Preise festgeschrieben werden, ohne dass dies gegen das Kartellrecht verstößt. Mit Faktoren wie Nachhaltigkeit oder ökologischen Kriterien als Grundlage kann man so einen Wettbewerb schaffen, aber auch einen Preis festlegen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist genau da gerade dran. 

Das klingt nach so einer Art garantiertem Milchpreis statt Preiskampf. Würde euch das helfen, Anna?

AK: Wenn der Preis fair ist, dann auf jeden Fall. Denn dann hätten wir mehr Planungssicherheit. 

Die es jetzt nicht gibt, erst recht, wenn einen die Politik so überrascht wie in diesem Jahr vor der Grünen Woche. Stimmt es, dass die Agrardieseldebatte nur der letzte Tropfen war, der das Fass der Empörung überlaufen ließ? Diese 21 Cent, die Landwirte von den 47 Cent Dieselsteuer zurückbekommen können – was macht das bei euch auf dem Hof aus?

AK: Etwa 1200 Euro. 

Und wie siehst du die Proteste vor diesem Hintergrund? Sind die gerechtfertigt und angemessen?

AK: Was in den vergangenen Wochen abgelaufen ist, war schon ziemlich stark von den Landwirten. Ein paar Aktionen waren übertrieben, ganz klar. Aber wenn man friedlich bleibt und sich einfach zeigt als Landwirt, indem man auch mal mit dem Schlepper eine Straße blockiert, finde ich das völlig legitim. Ich finde: Man kann stolz darauf sein, wie viele da zusammenkamen und einfach gezeigt haben, dass es so nicht weitergeht.

Aber die Probleme der Branche sind damit nicht gelöst. 

AK: Aber es ist ein Anfang gemacht. Wir reden darüber und ich glaube: Man hat schon verstanden, dass wir Landwirte jetzt an einem Punkt sind, an dem wir um unsere Zukunft kämpfen. 

Weil du nicht die letzte Generation sein willst.

AK: Das werde ich kaum sein. Auch deshalb, weil es ja nicht nur um monetäre Aspekte geht, sondern es auch einen emotionalen Reichtum gibt. Und ich bin hier glücklich. Mir gefällt dieses Leben auf dem Hof und mit der Familie. Und dazu gehört auch, dass ich gar nicht will, dass der Betrieb jetzt größer wird oder ganz anders.

MB: Ich sehe das ganz ähnlich. Es geht nicht immer nur ums Maximieren – sondern gerade in der Landwirtschaft auch mal um back to the roots. So viel erzeugen und produzieren, dass man über die Runden kommt und sein Auskommen hat, ohne sich immer wieder mit anderen zu vergleichen.

Moderne Subsistenzwirtschaft.

MB: Das kann man so sagen. Und ja: das ist auch eine romantische Vorstellung. Aber wie es Anna gesagt hat: Es gibt auch den nicht-monetären Reichtum. Und dazu würde es auch gehören, wenn man Landwirten vielleicht auch einfach wieder mehr Freiheiten gibt. Wenn jemand einen Hektar Kartoffeln pflanzen will – dann lass ihn das doch machen, ohne dass erst zig Genehmigungen eingeholt werden. 

Klingt nach so einer Art Bagatellgrenze? 

MB: Genau. Heute ist es ja so, dass sich viele Sachbearbeiter hinter ihren Vorschriften verstecken und lieber erstmal zu allem Nein sagen – aus Angst, einen Fehler zu machen und sich rechtfertigen zu müssen. Und wir sollten nicht auf der Suche nach der finalen Einzelfallgerechtigkeit immer alles übermäßig genau regeln wollen, sondern auch in Behörden mehr mit Weitsicht und Augenmaß entscheiden – oder uns mal heraushalten. Ich glaube: Wir können den Landwirten schon vertrauen, denn sie wissen, dass Nachhaltigkeit ihre Zukunft ist.

Die Bauern im Ländle

39 000 landwirtschaftliche Betriebe mit 69 000 Beschäftigten gibt es in Baden-Württemberg. Der Ökolandbau macht etwa 10 Prozent der Betriebe wie der Flächen aus. Die wichtigsten Ausrichtungen 2020: Futterbau und Weidevieh (35 Prozent), Ackerbau (28) und Dauerkulturen wie Wein, Obst und Spargel (19).

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