Wanderreiten im Schwarzwald

Sabine Kiewitt und Konrad Frey sind Experten im Wanderreiten. Wenn sie gerade nicht im Südschwarzwald unterwegs sind, geht’s quer durch Europa ...

Text: Jana Zahner Fotos: Anton Bohnert

Hochkonzentriert schnüren Sabine Kiewitt und Konni Frey Packkisten auf dem Rücken der Maultiere fest. Jeder Riemen, jeder Knoten muss sitzen – schließlich tragen die Maultiere Pablo und Cordobes einen Großteil von dem auf dem Rücken, was das Paar in den nächsten Monaten zum Leben braucht: Zelt, Schlafsäcke, Campingkocher und mobilen Elektrozaun, mit dem die Reiter abends eine Weide abstecken. Kleidung, Snacks und Feldflaschen sind in den kleineren Satteltaschen der Pferde Schanchot und Sati verstaut. Alles, was das Paar aus Laufenburg sonst noch besitzt, liegt eingelagert in einem Keller, die Wohnung ist aufgelöst. Jetzt gibt es kein Zurück mehr …

Die Stimmung? Schwankt zwischen Vorfreude und Aufregung. Als „Eichhörnchenmodus“ beschreibt Konni diesen Zustand kurz vor dem Beginn einer langen Tour. Um die Reiter herum warten Freunde und Angehörige, die sich am Startpunkt, dem Gordihof in Rickenbach im Landkreis Waldshut, verabschieden wollen. Eine letzte Umarmung, dann schwingen sich beide auf ihre Pferde. Man hört Umstehende flüstern: „So etwas würde ich mich auch gerne trauen.“ Einfach den Alltagsstress hinter sich lassen, in den Sonnenuntergang reiten – beim Anblick der Reiter kommt Sehnsucht auf. Sabine und Konni machen es einfach und wollen es in sechs Monaten mit Mulis, Pferden und Hund vom Südschwarzwald bis ins lettische Riga schaffen.

Wanderreitstationen im ganzen Schwarzwald

Wanderreiten? Damit sind mehrtägige Touren auf dem Pferderücken gemeint. Übernachtet wird unterwegs, in der Regel auf Höfen, sogenannten Wanderreitstationen, die Ross und Reiter gleichermaßen Unterkunft anbieten. Auch der Schwarzwald weist ein Netz an solchen Stationen auf, von denen manche auch geführte Touren anbieten – auf dem eigenen Pferd oder einem geliehenen Reittier. Aber Achtung: Wanderreiten ist nichts für Anfänger! Wer vier bis sechs Stunden täglich im Sattel verbringen will, muss sein Pferd im Schritt, Trab und Galopp sicher beherrschen – und das nicht nur auf dem Reitplatz, sondern auch in der freien Natur und im schwierigen Gelände. Dazu braucht es die entsprechende körperliche Fitness. Beim Wanderreiten läuft man zudem viel, um die Pferde auf steilen Passagen zu entlasten. Bei komfortableren Ritten ist zusätzlich ein Begleitfahrzeug für den Gepäcktransfer mit dabei. So müssen die Pferde weniger Gewicht mitschleppen und die Reiter ihre Wechselkleidung nicht so streng rationieren.

Auch Tierärztin Sabine und IT-Berater Konni haben einst auf solchen Touren ihre Leidenschaft für diese entschleunigte Art des Reisens entdeckt. Seit einigen Jahren planen die zwei ihre Strecken komplett selbst und haben schon mehr als 5000 Kilometer im Sattel zurückgelegt, viele davon im Schwarzwald.

„Ich stehe auf Berge, das platte Land finde ich langweilig“, hat uns Sabine vor dem Start in Rickenbach erzählt.  Noch ein Vorteil des Black Forest: „Man kann lange Strecken unterwegs sein und dabei die Zivilisation komplett umgehen“, sagt Konni. Wiesen, Wälder, Weinberge, Weitblicke: Die Abwechslung, die Wanderer und Radfahrer schätzen, finden auch Wanderreiter toll. Und die vielen Quellen, Bäche und Brunnen sind ein weiteres Plus – Pferde trinken immerhin 30 bis 60 Liter Wasser pro Tag. Ein Falteimer mit Seil, um auch von Brücken aus schöpfen zu können, gehört bei Sabine und Konni zur Grundausstattung. Einen Großteil des Futters suchen sich die Pferde unterwegs selbst; alle ein bis zwei Stunden gibt es zum Grasen eine halbstündige Pause. Die perfekte Gelegenheit für uns, um die Herde bei der ersten Tagesetappe auf ihrem Weg gen Osten zu treffen ...

Fremde, die einfach helfen

Wir sind auf einer Lichtung am Muckenfurtbächle irgendwo zwischen Hogschür und Görwihl verabredet. Und als Sabine und Konni mit Cowboyhüten auf dem Kopf und der Mittagssonne im Rücken Staub aufwirbelnd einreiten, wähnt man sich nicht mehr im Hotzenwald, sondern mitten in Marlboro Country. Die Pferde fressen und saufen, die Reiter genießen eine Zigarette. Vier Mäuler mahlen zufrieden, Hund Bandit planscht im Wasser – ansonsten Stille. „Das ist für mich Meditation“, sagt Sabine, atmet genüsslich Rauch aus und betrachtet lächelnd ihre Tiere. Es sind einsame Momente wie diese, die für die 49-Jährige den Reiz am Wanderreiten ausmachen, aber genauso die vielen Begegnungen unterwegs.

Der Ritt ins Ungewisse

Solange die Wanderreiter noch im Schwarzwald unterwegs sind, übernachten sie bei befreundeten Hofbesitzern. Danach folgt der Ritt ins Ungewisse. „Wir mögen es, morgens nicht zu wissen, wo wir abends schlafen werden“, sagt Sabine. Sie und Konni sind autark mit allem unterwegs, was sie und ihre Tiere benötigen, ihre Etappen kennen zudem meist kein festes Ziel.

Die einzigen wichtigen Termine des Tages sind der Sonnenauf- und -untergang. Morgens dauert es zwei bis drei Stunden, bis der Kaffee gebrüht und getrunken, alles gesattelt, verschnürt ist und alle zum Aufbruch bereit sind. Dann reitet Sabine vorneweg und navigiert die Herde. Mulis und Pferde dienen im täglichen Wechsel als Pack- und als Reittiere. Letzterer Job ist weniger anstrengend, da Sabine und Konni immer wieder aus dem Sattel steigen.

Konni und Sabine haben lange gesucht, um ihre perfekte „Herde auf Tour“, wie sie sich online nennen, zusammenzustellen: Bei den Pferden handelt es sich um Kabardiner, kaukasische Gebirgspferde, die für ihre Zähigkeit, Ausdauer und ihren guten Orientierungssinn bekannt sind. Alles Eigenschaften, die sie mit den Maultieren teilen. Wobei die Mulis (ein Hybrid aus Pferd und Esel) sogar noch einen Ticken mehr mitdenken als ihre Verwandten mütterlicherseits, wie Sabine erzählt.

Auf engen Pfaden winden sich die Langohren auch mit Gepäck geschickt durch, während die Kabardiner eher mal anschrammen. Nicht die einzige tägliche Herausforderung: Hindernisse blockieren den Weg, ein Gurt reißt, ein Hufeisen geht verloren – Langstreckenreiter müssen sich selbst helfen können. Werkzeug für Lederreparaturen und Hufbeschlag haben die beiden immer dabei. Dass Sabine Tierärztin ist, hat sich schon oft als Segen erwiesen. „Wichtig ist, dass es den Tieren gut geht“, sagt Konni. Schließlich ist deren Zustand die Visitenkarte eines Reiters. Diese Art zu reisen kennt keinen Leistungsdruck, ist kein Marathon zu Pferde. Man kommt so weit, wie man eben kommt.

Fremde, die helfen

Gegen Nachmittag beginnt die Suche nach einem Schlafplatz – in Ländern, in denen Wildcampen nicht erlaubt ist, fragen die beiden Reiter auf Höfen nach einer Unterkunft. „Manche Leute denken, was sie uns anbieten können, sei zu wenig – dabei sind wir schon mit einem Stück Wiese und vielleicht einem kleinen Schuppen glücklich“, sagt Konni. Schlechte Erfahrungen mit Fremden haben die zwei bisher nur selten gemacht. Im Gegenteil: Manchmal ist die Gastfreundschaft so groß, dass die Herde gleich mehrere Tage an einem Ort bleibt.  Viele Freundschaften sind so entstanden.

Ob Sabine und Konni wie geplant im Herbst in Riga einreiten werden? Am Ende des ersten Tagesrittes sind die beiden erstmal froh, es wie geplant zur ersten Unterkunft bei den Franks in Rotzingen geschafft zu haben. Und worauf freuen sich Wanderreiter nach so vielen Stunden im Sattel? „Auf ein Bier“, sagt Sabine. Na, das versteht sogar der Pferdelaie ...

Auch sattelfest? Anlaufsstellen für Wanderreiter

Mit dem Begriff Wanderreiten sind mehrtägige Touren zu Pferd gemeint – übernachtet wird meist auf ausgewiesenen Wanderreitstationen, von denen es auch im Nord- und im Südschwarzwald viele gibt. Zwei Vereine kümmern sich um das Thema. Mehr Infos unter wanderreitenschwarzwald.de

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