Töpfer Soufflenheim Handwerk und Keramik aus dem Elsass

In Soufflenheim lebt das Töpferhandwerk weiter – zwischen Drehscheibe, Handarbeit und moderner Keramik.

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Warum gibt es im ganzen Elsass Gugelhupf und Baeckeoffe? Vielleicht, weil es überall die ofenfesten Formen dafür gibt. Meist stammen sie aus dem dafür bekannten Soufflenheim im Nordelsass. Das Töpferdorf liegt nur 15 Kilometer (via Roppenheim) von Deutschland entfernt. Einige dieser Töpfereien werben mit dem Label „IG“ (Indication Géographique), das besagt, dass die Töpferware garantiert aus dem Elsass kommt und nicht aus Fernost. 

Früher gab es im Dorf 30 Töpfereien, heute sind es noch zehn. In den goldenen Zeiten vor 100 Jahren ragten 51 riesige Schornsteine in den Himmel. Heute ist es noch einer. Hier arbeiteten Väter und Söhne an der Drehscheibe oder am Ofen, die Mütter und Töchter glasierten Krüge, Backformen und Teller. Warum war hier so viel los? Das liegt an den Lehmgruben im Hagenauer Forst. Dort lagert unter einer Schicht Kies der Stoff, aus dem die Töpfe von morgen sind. In alter Zeit gab es noch 30 weitere Töpferdörfer! Das muss man sich mal vorstellen: Über 30 Bauerndörfer, wo in jedem dutzende Schornsteine in den Himmel ragen.

Ein Klumpen wird zur Schönheit

Sobald man in Soufflenheim ist, führt kein Weg am Thema vorbei. Poterie! Poterie! Poterie! Fast alle liegen an der Hauptstraße (Grand Rue), manche in einer Nebenstraße, wie die Töpferei Ludwig in der 5 rue des Potiers. Michel Ludwig, dem man die 75 Lenze nicht ansieht, gehört zu den kleinen Töpfern. Er hat drei Mitarbeiter und sein Sohn schafft mit. Im Gegensatz zu den meisten anderen im Dorf bestellt er seine Rohware nicht im Westerwald, sondern macht’s wie vor 50, 100 oder 200 Jahren. Er kauft den Ton direkt an der Lehmgrube im Hagenauer Forst. Fünf bis sechs Tonnen sind sein Jahresvorrat. Wenn man weiß, dass eine Tasse 200 bis 400 Gramm wiegt und eine durchschnittliche Backform 1,5 bis 3 Kilo, dann kann man sich vorstellen, dass auch ein kleines Unternehmen ganz schön viel gewuppt kriegt. Darum gehen in die Elektrobrennöfen auch
600 oder mehr Teile rein. Die Energiekosten: irre!

Michel und seine kleine Equipe haben alle Hände voll zu tun. Der Sohn sticht den im Keller eingelagerten Ton. Dieser wird dreimal durch eine Maschine (Jahrgang 1942!) gedrückt, die wie ein Fleischwolf funktioniert. Jedes Mal wird ein feineres Sieb eingelegt, um Steinchen, Splitter oder Holzreste aus dem Ton zu filtern, damit er schön geschmeidig wird. Der restliche Ton, hier stecken die Steinchen, Splitter und Hölzchen drin, wird irgendwann später mit der gleichen Methode gereinigt. Nichts wird verschwendet, der Rohstoff ist pures Geld.

Michel sitzt wie eh und je an der Drehscheibe und legt einen Klumpen Ton auf die Drehscheibe. Einmal haut er mit der flachen Hand drauf. Batsch! Jetzt ist es besiegelt, aus dem Klumpen wird etwas Brauchbares! Und Schönes! Zuerst nimmt er das rotierende Tonstück in beide Hände, dann macht er seine rechte Hand nass und greift mit Daumen und Zeigefinger in das Tonstück rein. Dabei wachsen das Innenstück und die äußere Wand der Tonform in die Höhe. Schon kurz drauf ist die Gugelhupfform gut zu erkennen und wieder eine Minute später ist sie fertig. Michel gehört zu den Töpfern abseits der Hauptstraße. Wer findet ihn? Wenige, darum verkauft er seine Waren über Winzer und Souvenirshops an der elsässischen Weinstraße.

Ein Leben für die Keramik

Auch die Töpferei Siegfried-Burger liegt ein bissl abseits. Die Töpferei in der 10 Rue de la Montagne existiert seit 1842 und gehört mit 16 Mitarbeitern zu den großen Töpfereien im Dorf. Im ersten Stock sitzen drei Frauen an einer langen Werkbank und malen mit dem Malhörnchen Striche und Punkte auf das Tonstück. Nach und nach blühen Blumen auf. Die Frauen bemalen gleich drei Stück aufs Mal. Sind sie fertig, holen sie sich drei neue. Wenn zu viel Farbe auf der Pipette ist, tupfen sie etwas auf einem Schwamm ab. Fehler passieren so gut wie keine mehr. Acht Stunden machen die Frauen das. „Ist halt schöner, wenn’s gemalt ist“, weiß die Chefin Anne Siegfried.

Warum brummt das Geschäft? „Da wir nicht an der Hauptstraße sind, mussten wir uns überlegen, was wir machen“, erklärt sie. Sie machen zum Beispiel auch Blumenkästen oder entwickeln mit Fantasie neue Motive. Oder sie erschaffen mit Künstlern wie Raymond Waydelich limitierte Editionen wie die Gänseleberdosen für das weltberühmte Sternerestaurant Auberge de L’Ill. Aber da gibt es noch viel mehr zu bestaunen! Rollregal um Rollregal mit Keramik stehen in dem großen Raum. Dazwischen schiebt ein Mann Regale. Die Teile müssen trocknen, sie müssen bemalt werden, sie müssen gebrannt werden. Der rührige Schaffer ist Annes Mann Pierre Siegfried. Sein ganzes Leben ist Keramik. Als Kind fing er schon zu töpfern an und verkaufte an Feiertagen seine Sachen. Alles ging weg. „Ich hatte mein Taschengeld“, grinst er. Er perfektionierte sein Handwerk und heute ist er immer noch mit Freude dabei. Vis-à-vis werkelt Eric an einer Gipsform. Vom Modell wird eine Form gemacht, davon ein Modell, davon die Mutterform. Jede Poterie hat ihre eigenen Formen und Motive! Die Mutterform ist wichtig, denn von ihr werden wiederum die Gipsformen hergestellt. Bei Siegfried-Burger wird der Ton in die Formen gepresst. Um die 2000 Mal, vielleicht auch mehr, macht eine Gipsform das mit, dann geht sie kaputt. Aber da immer gebacken wird, braucht’s auch immer neue Formen, und Eric hat immer was zu tun.

Abdrücke mit Kohl- und Feigenblättern

Unser Rundgang auf der Tour des Potiers geht weiter: Die Geschwister Sylvie und Kathia Lehmann sind mit ihrer Töpferei (7 Rue de Haguenau) besser zu finden, haben aber gleichzeitig noch einen Shop in Straßburg (3 Rue des Frères) laufen. Kommen Touristen nicht nach Soufflenheim, dann kommen die Lehmanns eben zu den Touristen. Die Geschwister machen einiges anders als die anderen. Seit
25 Jahren ist ihre Hausfarbe ein dunkles Rot. Der Erfolg gibt ihnen recht. Aber sie probieren sich auch mit anderen Farben und Techniken aus und drücken Kohl- oder Feigenblätter auf Tonplatten und -teller. Die Abdrücke sind eine schöne Abwechslung zum bemalten Ton. Auf gut Elsässisch heißt diese Serie „Bliemle“ (Blümchen).

Die Nichte bearbeitet derweil in der großen Werkstatt mit einem Schwämmchen frisch getöpferte Backformen und macht alles glatt, was übersteht. Das Licht scheint golden durchs Fenster. Nichts ist zu hören. Die Welt ist in Ordnung in Soufflenheim.

Die Handarbeit bleibt

An der Spüle steht ein blauer Krug, auf dem eine gelbe Margerite gemalt ist. „Von Großvater Philippe“, sagt Kathia stolz. Dieses Gebinde wurde von Hand getöpfert, wurde von Hand bemalt. Auch wenn heute hier und da eine Maschine zum Einsatz kommt und Ton auch in Formen gepresst wird: Das Alte ist nicht vergessen und Handarbeit hat immer noch Zukunft. Damit auch morgen noch gebacken und gekocht wird, geben Sylvie und Kathia jedem Käufer ein Rezept für Gugelhupf oder Baeckeoffe mit. „Dann gibt es keine Ausreden!“

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Im Töpferdorf sind noch zehn Töpfereien aktiv. Werkstattbesichtigungen sind auf Anfrage möglich. 

Dorfrundgang: Le Tour des Potiers.

www.visitpaysrhenan.alsace/de/

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