Wein aus dem Kaiserstuhl: volle Pulle Optimismus

Zuerst Notgemeinschaft, dann Garant für feine Tropfen und gutes Geld: die Kaiserstühler Winzergenossenschaften

Text: Pascal Cames · Fotos: Pascal Oertel

Geniale Idee. Vor genau 100 Jahren gründeten sich am und im Kaiserstuhl  gleich fünf Winzergenossenschaften. Für diesen Schritt gab es gute Gründe, und um die zu verstehen, schauen wir mal zurück.

Reden wir nicht von schlechten Zeiten – was damals war, war wirklich eine Art Weltuntergang. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man in Sachen Weinbau in Baden nur schwarz-weiß sehen. Meistens aber nur schwarz. Es war noch nicht lange her, da vernichtete die aus Amerika mitgebrachte Reblaus Weinberg um Weinberg. Die Winzer hatten nicht einmal die Trauben für einen Hauswein. Und kein Geld für Äpfel. Also nicht einmal Apfelmost. Man saß auf dem Trockenen. Und dann das: Hagelschlag, Überschwemmung, Hochwasser.  

Eine gute Idee vom Bodensee

Dann kam der Krieg und die jungen Männer gingen fort. Längst nicht jeder kam wieder heim. Dennoch lag 1919 wieder Optimismus in der Luft. Nein, zu früh gefreut. In Deutschland ging das Geld kaputt. Hurra! Jetzt waren alle Millionäre – und arm wie eine Kirchenmaus. Was sollten die Winzer machen? Gemeinsam ist man stärker, war als Motto wohlbekannt. Aber wie umsetzen? Vom Bodensee kam Hoffnung. Dank des aus Haslach im Kinzigtal stammenden Pfarrers, Volksschriftstellers und Weinliebhabers Heinrich Hansjakob (1837–1916) wurde 1881 dort der Hagnauer Winzerverein gegründet. 

Der Kaiserstuhl hatte für Weinbau beste Voraussetzungen: schwarze Erde (Vulkangestein), weiße Erde (Löss) und viel Sonne. Aber: Leben hier nicht die noch härteren Dickschädel? Können die Kaiserstühler zusammenspannen? Jedes Dorf hat seinen eigenen Dialekt. Die einen evangelisch, die anderen beteten nach Rom. Musste ein Katholik durch einen evangelischen Ort, betete er den Rosenkranz. Aber die Idee einer Winzergenossenschaft war einfach zu gut! 1924 gründeten sich gleich fünf davon am und im Kaiserstuhl, darunter Burkheim und Bischoffingen – und beide gehören heute zu den Besten! 

Erfolgreich mit dem Ruländer

Das war die einzig richtige Entscheidung, sagt Thomas Weiler, Geschäftsführer der Bischoffinger Winzer. Wie jede WG haben auch die Bischoffinger tief im Keller ihre kleinen und großen Fässer, ihre Flaschenlager, aber auch ihre Schatzkammer mit alten Tropfen. Staub und Spinnweben liegen über den alten Gebinden. Die ältesten Flaschen sind aus den 70er-Jahren. „Davor wurde alles getrunken und verkauft“, weiß Thomas Weiler. 

Auf vielen Etiketten steht „Ruländer“, heute eine Rarität, mit der sich aber vieles erklären lässt. Der Ruländer gehörte schon vor 100 Jahren zu den beliebten Sorten. Süffig. Schwer. Wirksam. Aber in alten Zeit kamen keine Touristen ins Weindorf, sondern Kommissionäre, Kaufleute also, auf der Suche nach Rebensaft. Nicht immer belebt Konkurrenz das Geschäft, in diesem Fall drückte sie die Preise von Clevner, Rother, Elbener (Elbling) und anderen Sorten. Die Winzer verkauften ihren Wein billig. Zu billig. 

Der Einsatz dafür war enorm. Es gab nicht überall gute Zugänge in den Weinberg und viele Bauern wussten gar nicht, welche Rebsorte die richtige für ihren Buck (Buckel, Weinberg) war. Man spannte Ochsen an, wer hatte, nahm Gäule. Der eine hatte exzellente Trauben, der andere machte guten Wein. Bekanntlich sind Superhelden und Alleskönner schwer zu finden. Wer im Weinberg ein guter Bauer ist, ist selten ein guter Kellermeister … Die Idee mit der Winzergenossenschaft passte daher wie die Faust aufs Auge.

Grauburgunder wird erfunden

Jetzt machte der Bauer im Weinberg das, was er am besten konnte. Im Weinkeller war (meistens) der richtige Mann am Werk. Dazu die gelernten Buchhalter und gewieften Verkäufer. Auch Weinpressen, Zugmaschinen, Flaschen, Etiketten lagen in einer Hand. 

Der Zweite Weltkrieg senste wieder ins Glück. Viele Männer tot, der Wein beschlagnahmt. Aber dann kam der Frieden und es wurde richtig gut, ein Winzer in einer Winzergenossenschaft zu sein. In Bischoffingen, Burkheim und anderswo war nicht nur der Herbst Gold. In Bischoffingen wurde aus diesem Grund sogar eine Mercedes-Niederlassung eröffnet. Die Terrassierung der Weinberge und das geplante Atomkraftwerk Wyhl (1974) brachten dann die badische Gemütlichkeit an ihre Grenzen. „Bisch dü dagege odr dafir?“

Ab den 90er-Jahren wurde das Weingeschäft härter. Die Weintrinker kamen auf den Geschmack von italienischen Weinen, andere wollten nur noch bio trinken oder switchten zum Bier. Und der Ruländer kam aus der Mode. Zu fett! Dann wurde vor 40 Jahren die gleiche Traube leichter und anders ausgebaut und damit der Grauburgunder erfunden. Eine Erfolgsgeschichte! Eine ähnliche Situation findet sich auch in Burkheim, das nicht nur für den Wein bekannt ist, sondern im Ruf steht, das schönste Städtchen im Kaiserstuhl zu sein. Übrigens geht sogar das Vogtsburger Stadtrecht auf die Burkheimer zurück. Merke: Wo viele Touristen sind, wird viel zugeprostet und verkauft. Souvenir! Souvenir!

Kleine Parzellen, große ideen

Mit „klein, aber fein“ beschreiben Kellermeister Dominik Schweizer und Geschäftsführerin Claudia Röttele die Marke Burkheimer Winzer mit ihrer Premiumlage Schlossgarten. Burkheim hat keine 300 Winzer und viele davon sind es im Nebenerwerb. Nicht jeder hat einen Hektar Reben, erklärt die Geschäftsführerin. Aber so klein das Handtuch auch ist, die Begeisterung ist groß. Die einen gehen in die Reben nach alter Väter Sitte, der andere findet abseits vom Job Erholung, der nächste Erfüllung im Ruhestand. Und natürlich wird der eigene Wein mit Begeisterung getrunken. Kleine Parzellen sind ideal für große Weine, denn so können hier die für den Boden passenden Reben angepflanzt werden. „Wir haben eine ganze Handvoll junger, engagierter Winzer“, freut sich Claudia Röttele. Die seit Januar amtierende Geschäftsführerin ist ein Beispiel dafür, dass alles anders werden muss, damit es so bleibt, wie es ist. Wein ist schon lange keine Männerdomäne mehr. Talent und Wissen sind wichtiger.

Wie geht’s weiter? Die WG Bischoffingen feilt mit Burgunderweinen weiter an ihrem Profil, pflanzt auch Piwi (pilzwiderstandsfähige Sorten) und nimmt alkoholfreie Weine ins Programm. Die feinen  Nischen werden besetzt, beispielsweise mit Tempranillo, oder Nachhaltigkeit mit Humusaufbau, grünen Böschungen und Wildbienen gelebt. Vergangenes Jahr wurde in eine Photovoltaikanlage investiert, dieses Jahr in eine Außenterrasse. Das ist ideal für Wanderer und Radler mit Weindurst und Kauflust.

In Burkheim will man sich weiter verstärkt um die Direktkunden kümmern. „Wir gehen auf Messen. Wir stehen alle hinter dem Produkt“, sagt Claudia Röttel  im Flaschenlager der eigenen Sektkellerei im dritten Kellergeschoss. In Burkheim sind sie schon lange für ihren Sekt berühmt. Es war im Jahr 1986, als sie zum ersten Mal Wein versekteten, und es war 20 Jahre (!) später, als der damals neue Kellermeister Dominik Schweizer die Chance sah und Sekt nochmal neu dachte. 2009 wurden sie dann zum ersten Mal zu Badens bestem Sekterzeuger gekürt. Jahre später dann nochmal und nochmal und nochmal. So geht’s! Der alte Kellermeister ist noch da (und immer noch jung) und auf dem Chefsessel sitzt jetzt eine Frau. 

In Burkheim wie in Bischoffingen verstehen sie es, Wein und Sekt zu machen. Prost! Hier belebt Konkurrenz das Geschäft. Die nächsten 100 Jahre können kommen!

Weinbau und Natur im Kaiserstuhl

Aufgrund der Böden (Vulkangestein, Lehm, Löss) und der Lage mitten in der Rheinebene (viel Sonne, wenig Regen) gehört der Kaiserstuhl zu den besten Weinregionen Badens mit einer einzigartigen Natur. Wie in fast allen Weinregionen Deutschlands gab es auch hier Flurbereinigung (50er-Jahre) sowie Terrassierung (ab 1960er- bis Anfang der 80er-Jahre), die den Kaiserstuhl massiv veränderten. Trotzdem oder immer noch gibt es Lösshohlwege und Magerwiesen. Der Kaiserstuhl ist bekannt für die größte Orchideenvielfalt Europas, dazu gibt es Wildbienen, den Wiedehopf und Smaragdeidechsen. 

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