Wie Gärtner in der Lichtentaler Allee mit Blüten malen

Der Black Forest kann auch bunt: Wenn in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden erst die Krokusse, dann die Magnolien aufblühen, werden nicht nur Botaniker sentimental. Hach, ist das schön!

Text: Jana Welle · Fotos: Jasmin Fehninger

Kühler, klarer Wind fährt in die Baumkronen, trägt den Geruch von feuchter Blumenerde heran. Die Oos gluckert, über das Wasser neigen sich blütenschwere Äste. Der Farbenrausch in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden beginnt Ende Januar, gerade dann, wenn man fast glaubt, dass der Winter gar nicht mehr weichen will. Dann kommen plötzlich jeden Tag neue Lichter und Schattierungen in den Beeten und Bäumen dazu: Weiß, Pink, Gelb, Purpur, Blau, wohin man blickt. Wie in einem Gemälde, in dem viele Tupfen immer wieder neue Motive ergeben. Wie würdigt man so ein Kunstwerk richtig? Indem man sich jemanden an die Seite holt, der weiß, wie es entsteht: Markus Brunsing, Leiter des Baden-Badener Gartenamts, und sein Team sorgen jedes Jahr dafür, dass die historische Parkanlage zum blühenden Paradies wird. Tanken wir mit ihm auf einer Parkbank etwas Sonne und plaudern über seinen Job als Frühlingsmacher ...

Tausende Blumenzwiebeln pro Jahr

Zunächst einmal: Was für ein Arbeitsplatz! Die Lichtentaler Allee ist kein gewöhnlicher Park. Sie ist ein lebendiges Kulturgut, Teil des UNESCO-Welterbes, ein Denkmal der Gartenkunst. Ihre Geschichte beginnt bereits im 17. Jahrhundert, als entlang der Wiesen im Tal der Oos eine Eichenallee gepflanzt wurde. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Allee zum 3,5 Kilometer langen Boulevard vom Hotel Badischer Hof bis zum Zisterzienserinnenkloster in Lichtental. Was einst ein von Wiesen und Feldern gesäumter Karrenweg war, ist heute eine der ersten Adressen unter den weltberühmten Flaniermeilen. Könige und Kaiser gingen hier genauso entlang wie ganz gewöhnliche Kurgäste – die Bewegung war Teil der Therapie, und wo könnte man sich besser von einer rauschenden Nacht im Casino erholen als an der frischen Luft?

Historische Villen, Hotels, Privatgärten und moderne Architekturwunder wie das Museum Frieder Burda rahmen die Lichtentaler Allee ein, als wären sie ebenfalls Teil des Parks. „Das macht den Charme von Baden-Baden aus“, sagt Markus Brunsing. Kultur und Natur ergänzen sich. Und wenn man dem Gartenamtsleiter und seinen Mitarbeitern zuhört, dann spürt man, wie stolz sie darauf sind, mit ihrer Gartenkunst die Anlage herauszuputzen. Die Millionen von Blüten hier sind kein Zufall, sondern Ergebnis sorgfältiger Planung, jahrelanger Erfahrung und akribischer Handarbeit.

So steckt man Krokusse richtig

Hobbygärtner wissen: Wer im Frühjahr einen schönen Garten haben will, muss im Herbst vorarbeiten. Allein um die 30 000 Blumenzwiebeln kommen jedes Jahr in der Lichtentaler Allee in die Erde. Die Krokusse haben ab Mitte Februar als erste Stars der neuen Gartensaison ihren großen Auftritt. Was muss man beim Säen beachten, damit schöne bunte Wiesen entstehen? „Krokusse werden nicht gesät, sondern gesteckt“, sagt der Gartenamtsleiter. Der Trick für eine harmonische Verteilung: Die Gärtnerinnen und Gärtner werfen die Knollen in die Luft und pflanzen sie dort ein, wo sie auf den Boden fallen. Allerdings auf Flächen, die Markus Brunsing vorher genau ausgewählt und auf Fotos markiert hat. Jeder Standort bekommt seine eigene Farbenmischung. „Wir haben hier in der Allee Millionen von Krokussen, und mit denen malen wir immer weiter.“ Stetig wird das Bild nachgebessert – wenn der 58-Jährige wie jetzt durch den Park geht, dann denkt er schon an das kommende Frühjahr. Wo braucht es mehr Gelb, wo mehr Weiß? So geht es Beet für Beet weiter. Nicht nur die Farben, auch die Zeit ist ein wichtiger Faktor bei der Gestaltung der Parkanlage. „Es ist unser Anspruch als Kurpark von Baden-Baden, dass jede Woche etwas aufblüht und wir den Gästen stetig neue Eindrücke bieten“, sagt der Landschaftsarchitekt.

Wir spazieren ein wenig weiter und bleiben vor einer Tulpenmagnolie stehen, deren rosa Krone majestätisch über den Weg ragt. Baden-Baden ist für Botanikfans zusammen mit der Wilhelma in Stuttgart der Place to be im Ländle, wenn von März bis April die edlen Ziergehölze ihre ganze Pracht entfalten. „Viele unserer Magnolien stammen aus Asien, andere aus Nordamerika, und hier wurden sie gesammelt, gepflanzt und gepflegt“, sagt Markus Brunsing. Rund 30 Magnolienarten wachsen in der Kurstadt. Und immer wieder spenden Baden-Badener und Fans von außerhalb neue Züchtungen für den Park. „Wir wollen die Vielfalt der Magnolien hier zeigen“, sagt der Gartenamtschef. Deswegen findet man im Park nicht nur Bäume mit rosa Blüten, sondern auch weiße, gelbe und tiefviolette.

Das Gesicht der Lichtentaler Allee zu erhalten, bedeutet harte Arbeit für die rund 20 festangestellten Gärtnerinnen und Gärtner – bei Hitze, Regen und Kälte. „Der Klimawandel geht am Kurpark nicht vorbei, und das heißt, dass wir auch Bäume verlieren, die durch die Trockenheit nicht mehr ganz so robust sind“, sagt Markus Brunsing. „Deswegen müssen wir mehr nachpflanzen als früher.“ Die Magnolien brauchen einen feuchten Winter und einen frostarmen Frühling, um Kraft für üppige Blüten zu haben. Die ältesten Magnolien im Park sind um die 100 Jahre alt – etwa so lange ist das städtische Gartenamt für die Pflege der Allee zuständig.

Bedrohtes Paradies

Besonders schwer tun sich die teils mehrere Jahrhunderte alten Bergmammutbäume mit der Trockenheit. Ein neues, sparsames Bewässerungssystem ist in Planung. Zusätzlich versuchen Baden-Badens Gärtner, den uralten Riesen durch Bodenbelüftung und Düngung zu helfen. Jede Maßnahme an den rund 300 Mammutbäumen im Kurpark wird in einer Akte dokumentiert – wie bei einem Patienten. Erst wenn die Bäume nicht mehr zu retten sind, werden sie gefällt und durch Arten wie Küstenmammutbäume ersetzt, die besser mit Wetterextremen klarkommen.

Neupflanzungen unterstützt seit Sturm Lothar (1999) der Verein Freundeskreis Lichtentaler Allee, der zudem die erfolgreiche Bewerbung der Kurstadt für die UNESCO-Welterbeliste vorangetrieben hat. Vom Verein stammt auch ein Audioguide für den Spaziergang durch den Park – für jeden Gast, den Markus Brunsing oder einer seiner Mitarbeiter nicht selbst durch das Blütenmeer führen kann ...

Flanieren mit Fauna und Flora

Von April bis Oktober laden Gärtner des Gartenamts zu Führungen ein. Mehr Infos zum Programm und wann was blüht gibt es hier!

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