Warum in Löffingen Hexen den Teufel herausfordern

Dicke Luft in der Hölle: In Löffingen nehmen es Hexen seit fast hundert Jahren am Rosenmontag mit dem Teufel auf, um ihr Recht auf die Fastnacht zu verteidigen – ein schaurig-schönes Spektakel!

Text: Jana Welle Fotos: Paul Wagner

Satan hat die Schnauze voll. Er kann es so gar nicht leiden, wenn seine Höllenwesen nicht Dreizack bei Fuß paratstehen. „Wieder einmal gebummelt und geludert – das muss anders werden in meinem Höllenstaat“, brüllt der Teufel mit donnernder Stimme. Seine Laune ist so schlecht, dass er sogar den Hexen die Fasnacht verbieten will. Klar, dass die sich das nicht gefallen lassen und gegen ihren Höllenfürsten rebellieren. Das Ergebnis: Eines der traditionsreichsten und schaurig-schönsten Spektakel, das die schwäbisch-alemannische Fasnacht zu bieten hat. In Löffingen im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald findet die Walpurgisnacht seit rund 100 Jahren nicht in der Nacht zum 1. Mai, sondern am Fastnachtsmontag statt. Wir haben uns auf den Besen geschwungen und sind mal mitgeflogen …

Ein Salon voller Narren

Wo machen sich Hexen schick für den Tanz mit dem Teufel? Im Friseursalon der Familie Hofmeier, einer alten Löffinger Narrendynastie. Hier in seinem Elternhaus fieberte Hexenchef Benjamin Hofmeier schon als kleiner Bub jedes Jahr der Walpurgisnacht entgegen. Schließlich haben bereits sein Opa, Vater und Bruder vor ihm die Narrenzunft geleitet. „Ich bin damit aufgewachsen. Für mich war es als Kind das Größte, irgendwann selbst eine Löffinger Hexe zu werden“, sagt der 37-Jährige. Im Friseurstuhl verpasst gerade seine Mutter dem Teufel ein feuerrotes Gesicht mit stechenden Katzenaugen. Die ganze Familie mischt beim Event mit, auch wenn die Löffinger Hexen eigentlich eine reine Herrenzunft sind.

Zusammen mit den Offenburger und Gengenbacher Hexen zählen sie zu den ältesten Hexenfiguren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Dazu muss man noch wissen: Die Tradition, sich als Teufel oder Dämon zu verkleiden, ist noch wesentlich älter. Erst seit den 1930er-Jahren setzen immer mehr Zünfte auf Besen, Rock und Kopftuch.  Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt die Hexe als Fastnachtsfigur einen regelrechten Boom. Ein Grund: Das Häs ist vergleichsweise einfach zu machen und bietet viel Beinfreiheit – für Kunststücke, aber auch für jede Menge Unfug – mancherorts mit unliebsamen Auswüchsen. Eine Löffinger Hexe dagegen benimmt sich, sagt Benjamin. Die Zahl der aktiven Mitglieder ist auf 28 Männer begrenzt, der Zusammenhalt groß. Noch eine Besonderheit: Das Häs besteht aus gutem Tuch statt aus Flicken, jedes Zunftmitglied schnitzt seine Maske selbst. Und natürlich kommt der Besen nicht aus dem Supermarkt, sondern wird aus Heidelbeersträuchern gebunden.

Wie hext man richtig?

Es gibt zwischen altehrwürdigen, alten und neuen Zünften viele Debatten über Traditionen und Sitten der Fastnacht. Auch das Stück, das die Löffinger Hexen in der Walpurgisnacht aufführen, greift die Geschichte der Fastnachts-Newcomer von damals auf: Die Hexen müssen ihr Recht darauf, Fastnacht zu feiern, im Konflikt mit dem Teufel erkämpfen. Die Figurenkonstellation geht auf die frühneuzeitliche Vorstellung zurück, Hexen stünden im Pakt mit dem Teufel, ihrem Meister. Anders als einige jüngere Hexenzünfte berufen sich die Löffinger aber nicht auf historische Hexenprozesse als Vorlage für ihre Figur. Das müssen sie auch nicht. Die Löffinger Hexen haben ihre ganz eigene Ursprungslegende, 1920 verfasst von dem Heimatforscher Leo Ratzer.

Der konnte nach einer schweren Erkrankung nicht aktiv beim närrischen Treiben dabei sein. Das hielt ihn nicht davon ab, Brauchtumsgeschichte zu schreiben. Wann genau Ratzers Schauspiel um Teufel, Geister und Narren zum ersten Mal aufgeführt wurde, ist nicht genau überliefert. Vermutlich 1928 oder 1929. Was war eigentlich zuerst da, die Zunft oder die Löffinger Walpurgisnacht? Anders als bei Henne und Ei weiß man hier genau Bescheid: „Unsere Zunft ist aus dem Schauspiel entstanden“, erklärt Hexenchef Benjamin. Das lässt sich auf 1934 datieren.

Seitdem hat sich natürlich einiges getan, gerade in Sachen Bühnen- und Pyrotechnik. Atmosphärisch soll es sein! Die Löffinger Walpurgisnacht beginnt, wenn die Gassen dunkel sind, der Atem der Zuschauer Wölkchen bildet und die Kinder in der ersten Reihe aufgeregt die Ankunft der Hexen erwarten. Zwischen Feuer und Rauch geht es dann zu dramatischer Blasmusik der Stadtmusik Löffingen heiß her auf der Bühne. Florian Furtwängler mimt dieses Mal das alte Weib, das ausnahmsweise keine Maske trägt – sonst würde man seinen Schlagabtausch mit dem Teufel nicht verstehen. Man duelliert sich vor der Kirche St. Michael in alter Manier mit Gabeln und Worten: „Mit deiner Zunge lasse ich Pferde beschlagen!“, droht Satan. Die restlichen Löffinger Hexen rücken zur Verstärkung an, tanzen und bauen eine Pyramide aus gleich 15 Narren – der Höhepunkt des Stücks. So ganz überzeugt ist der Höllenfürst aber noch nicht. Der Geist tritt auf und vermittelt – der  Teufel solle doch ein Einsehen haben, schließlich gebe es in der Stadt die Tradition der Fastnacht schon seit fast 1000 Jahren.

Der Geist vermittelt

Mit Erfolg: Satan knickt ein und trollt sich in die Hölle. „Habt ihr nur Tradition, kann kein Höllensohn, kein Mucker und Philister und sonstiger Unheilstifter, die Fastnacht je ersticken mit seinen Teufelsstücken“, verspricht der Geist den Hexen. „Wir wollen Treue halten, der Fastnacht, ja der alten. Singet, spielet und lacht, bis dass die Bude kracht!“
Bis Aschermittwoch geht das so weiter. Danach werden aus 28 alten Weibern erst einmal wieder ganz normale Männer. Die den 11. November kaum erwarten können – dann wird das Beseries gesammelt, damit die Hexen bei der Walpurgisnacht stilecht einfliegen können …

Die Löffinger Walpurgisnacht findet 2026 am 16. Februar um 19.30 Uhr in der Stadtmitte statt.

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