Eiskaltes Bier aus der Erde

Mit einfachsten Mitteln baut sich unser Autor seinen ganz persönlichen Sommernachtstraum: den Erdkühlschrank fürs Bier, den jeder nachbauen kann

Text: Pascal Cames · Fotos: Michael Bode

Irgendwo in Mittelbaden. Der Streifen Land mit Blick auf Burg und Weinberge gehört einem Junggesellen, der hier ein paar Apfelbäume und das Partyleben kultiviert. Der Fleck ist ein Traum, das Gras schießt hoch, Schmetterlinge flattern vorbei, ab und zu radelt ein Mountainbiker durch. Vorne auf einer Bank sitzen junge Leute und schwören sich ewige Liebe. Es riecht nach Honig. Willkommen in Philipps grünem Paradies!

Vor langer, langer Zeit saßen Philipp und ich an einem verglimmenden Lagerfeuer und kamen auf die Idee eines Erdkühlschranks. Da das Gelände – die Rebmannshalde – eine hübsche Schräglage hat, dachten wir an ein durch eine Tür begehbares Tunnelsystem aus Weinkellern, Bierlagern und Speisekammern. Natürlich könnte man auch 20 Meter senkrecht in die Tiefe graben, dann wäre man immer noch nicht am Grundwasser und könnte vielleicht einen Kasten Bier „versenken“. Vielleicht hätte dann der Gerstensaft seine vier bis sieben Grad Trinktemperatur, wie es der Deutsche Braubund empfiehlt.

 

Großartige Pläne

Die Gedanken kreisten, aber es kam nichts dabei heraus. Zuviel Arbeit? Oder war es die Angst, dass, wer einmal am graben ist, nicht mehr aufhören kann? Zudem müsste dieser Schacht mit Spritzbeton oder Stahlträgern vor dem Einstürzen geschützt werden. Die Pläne wurden wild und wilder und vergingen wie ein Strohfeuer. Aber: Ein Lagerfeuer kann unter der Asche auch sehr lange glimmen und so wurde der Plan nie ganz beerdigt. Erdkühlschrank? Oft war er Thema, aber wir hatten halt nie Zeit.

Auftritt Michel, ein Kumpel von Philipp. Der hat schon mal einen Erdkühlschrank gebaut, vor gefühlt 100 Jahren in Heidelberg und dort ein Fass Cidre gelagert. Ob’s nun ein Fässchen war oder eine Art Heidelberger Fass für 1000 Liter und mehr wurde nie ganz geklärt, aber dass er sich mit Spitzhacke, Spaten und Schaufel auskennt, war somit klar. Schließlich ist er nicht nur Lehrer, sondern auch Landwirt. Somit könnte er uns erklären und zeigen wie’s geht. Auch Stefan, der Vierte im Bunde, ist in der grünen Welt daheim. Als Förster wüsste er, was zu tun wäre, wenn wir beispielsweise auf einen Dachsbau stoßen.

Einer arbeitet, drei schauen zu

Wir tauschten Geschichten aus und so wurde uns bald klar, dass das, was wir jetzt machen, früher gang und gäbe war. So gut wie jeder hatte früher zwischen Haustür und Jägerzaun einen Erdkühlschrank. Dieser Erdkühlschrank war eine Art Grube, die entweder mit Holz oder Metall verkleidet war und am Boden mit Sand bedeckt war. Darin wurden Kartoffeln, Karotten und Rüben gelagert, bis der erste Frost kam. „Ein bisschen eklig“, erinnert sich Philipp an den Erdkühlschrank seiner Kindheit, denn das Gemüse war verdreckt. Aber wir wollen ja keine Möhren, sondern Bier oder einen guten Riesling.

Als Kühlschrank haben wir am Ende eine alte Waschmaschinentrommel gefunden, die ungefähr 20 große und kleine Flaschen fasst. Dazu Styroporplatten als Deckel und alte Ziegel, mit denen wir den Rand auskleiden wollen. Die Ziegel werden nass in der Erde, die Feuchtigkeit verdunstet und das produziert klimaneutral Kälte. Ein Brett soll den Kühlschrank abdecken. Da wir keine 20, sondern nur knapp einen Meter tief graben, brauchen wir auch keine Betonmaschine anwerfen. Das hebt auch so, weiß der Badener. Als Werkzeug haben wir einen Spaten. So können immer drei zuschauen, wenn einer schafft, wie es gute Tradition ist.

Der erfahrene Michel stochert in die bickelharte Erde. Mühsam. Stefan klärt uns auf, dass diese Bodenschicht in der Eiszeit herangeweht wurde. Knappe 25 000 Jahre später profitieren wir davon, zumindest die Drei, die Michel zuschauen. Michel rammt den Spaten mehrmals senkrecht von oben rein, steht mit beiden Füßen auf dem Spaten und ruckelt hin und her.

Ein paar Zentimeter Erde brechen auf. An der zweiten Schicht versucht sich Philipp. Er hackt, hebt, schaufelt, schwitzt. Ein Goldgräber würde es nicht anders machen. „Wir brauchen einen Presslufthammer“, tönt Michel, aber keiner erhört ihn. Philipp schafft ordentlich was weg. Immer wieder fragt Michel, ob wir schon das Niveau erreicht haben. Nein, noch nicht, wir müssen noch tiefer.

Nicht im Wasser – aber stabil

Wie sind die Innenwände? Die dürfen nicht schräg werden, gibt Michel vor. Ich wage zu sagen, dass es immer schräg wird, je tiefer man gräbt. „Das muss nicht sein, wenn man es sich vornimmt“, sagt Michel. Also graben wir so exakt wie möglich.

Plötzlich bewegt sich etwas in der Erde. Der sicher 20 Zentimeter lange Regenwurm wird mit Fingerspitzengefühl von einem Biotop ins andere verlegt. Dann schaufle ich ein paar Zentimeter weg, dann wieder Philipp und irgendwann sind wir mit unserem Niveau ganz unten angekommen. Die Wäschetrommel hat auf der Unterseite eine Art Spitze, die sich als genau richtig erweist. Denn wenn wir jetzt die Wäschetrommel auf die Erde legen und mit einem Holzpflock aus Philipps wildem Baumarkt (woher die Dinge kommen, weiß er auch nicht) in die Erde rammen, bleibt der Erdkühlschrank fest. So wird’s gemacht. Oder besser gesagt: Der Michel macht’s! Wer hat an eine Wasserwage gedacht? Niemand, aber das Bier wird weder schlecht noch alt, wenn es schräg steht.

Welcher Deckel?

Da wir jetzt das richtige Niveau für die Wäschetrommel erreicht haben, trägt Michel etwas vom Rand ab, um den Deckel besser draufsetzen zu können. Ohne Handschuhe wischt er die Erde weg und ruft ein „ja, so ist es gut“. Bei diesem schönen Bass ist jetzt auch der letzte Talbewohner wach. Zuletzt werden die Ziegel zwischen Erde und Metall gesteckt und Erde hineingedrückt. Die Erde wird mit der Zeit nach unten absacken (Philipp: „wie frische Gräber“) und dann muss man nochmal Erde reindrücken. Mit den Styroporplatten versuchen wir einen Deckel zu machen, verwerfen aber die Idee. Dann entdeckt einer von uns Philipps Metallmülleimer. Der Deckel passt wie angegossen, schaut stilecht aus und ist viel besser als eine Styroporplatte. Also Deckel druff und fertig! Nein, wir füllen den Kühlschrank, aber nicht mit Kartoffeln, Karotten und Rüben, sondern mit Bier, Bier und noch mehr Bier. Aber klar: Es könnten auch Säfte, Sprudel und Wasser hinein …

Feierabend! Wir grillen und lassen uns Würste mit Bier schmecken, das bis in die späte Nacht eiskalt bleibt. Fazit: Für einen Erdkühlschrank braucht’s nicht viel. Einen Acker, eine Schaufel, eine Wäschetrommel, einen der gräbt und drei die zuschauen sowie eine mit Kühlelementen präparierte Kühlbox, denn so schnell wird das Bier auch nicht kalt.

Erdkühlschrank

Lebensmittel kühl und trocken lagern, ist seit jeher ein Thema der Menschheit. Nicht immer waren die Räume dafür gemauert. Man nutzte die natürliche Kühlkraft des Gesteins oder der Erde. Natur-Höhlen, in den Stein gehauene Höhlen (Stichwort: Bierkeller) sowie Löcher wurden dafür benutzt. Für eine zusätzliche Kühlung sorgte manchmal Eis, das im Winter auf Flüssen gebrochen wurde oder eigens aus dem Gebirge herbeigeschafft wurde. In der Landwirtschaft wurde Gemüse in Kuhlen frostsicher gelagert. Da früher Strom teuer war, waren Erdkühlschränke eine gute Alternative, um große Mengen Kartoffeln, Karotten und Rüben zu lagern, falls man keinen geeigneten Keller dafür hatte. Ein Erdkühlschrank ist garantiert FCKW-frei. Wichtig ist eine stabile Abdeckung (z. B. Brett), sonst wird aus dem Kühlloch eine Fallgrube.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 21 (4/2020)

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