Der Schwarzwald rockt

Markus von Heidenreich baut in Bühl aus heimischen Hölzern, alten Kirchenstiegen oder Punk-Club-Resten spektakulär gute E-Gitarren mit Haltung

Text: Frauke Rüth · Fotos: Galina Ens

Über ein paar Stufen gelangt man in einen schmalen, gemütlichen Raum, der an diesem Tag in warmes Sonnenlicht getaucht ist. Von draußen hört man das Rauschen der Bühlot, drinnen das Singen der Säge – denn hier in Bühl baut Markus von Heidenreich seine Blackforest Guitarz. Der 58-Jährige ist einer, der einfach mal macht. „In der Gegend zwischen Offenburg und Karlsruhe gab es niemanden, der sich aufs Gitarrenbauen und -reparieren spezialisiert hatte“, erinnert er sich. Deshalb nahm er das vor anderthalb Jahren selbst in die Hand und eröffnete sein Geschäft, das sich rasch als Showroom und als Treffpunkt für Musikbegeisterte aus der Region etablierte. „Die Leute kommen gerne vorbei, probieren eine Gitarre aus und jammen ein bisschen. Ich bin immer samstags hier oder nach Absprache. Bei gutem Wetter sitze ich oft vor dem Laden, spiele und freue mich, wenn sich jemand dazusetzt und zuhört.“

Nach Stationen in Frankreich und der Schweiz kam er der Liebe wegen nach Baden-Baden. Sein Handwerk hat Markus in Oberfranken gelernt, wo er auch eine Ausbildung zum Zupfinstrumentenbauer absolvierte. „Was Mittenwald für den Geigenbau ist, das bedeutet Franken für elektrisch verstärkte Saiteninstrumente“, sagt Markus. Exzellente E-Gitarren (wie Fender Jazz Bass oder Gibson Les Paul) kommen also nicht immer aus den USA. Im Gegenteil: Einen der wahrscheinlich bekanntesten E-Basse aller Zeiten zupfte Paul McCartney – und dieses Instrument stammt genauso aus dem mittelfränkischen Bubenreuth wie Bill Wymans Bass. 

Einer vom Fach

Markus liebt die Musik der 60er-Jahre, hört aber auch gern „eine wilde Mischung. Sei es Punk, Blues oder Soul. Gerne auch mal Chansons oder Country“ und hat lange in einer Band gespielt: „Ganz bescheiden haben wir uns Universe genannt“, erinnert er sich lächelnd. Gespielt haben sie Rockmusik. Heute macht er nur noch privat Musik, gerne mit seiner Frau, einer Sängerin. Den Bandleader sieht man ihm immer noch an: schwarze Klamotten und Turnschuhe, die lockigen Haare halblang, ein Grunge-Kinnbart und Tattoos auf den Armen. Gleichzeitig hat er ganz solide Medizintechnik studiert und leitet heute für ein Schweizer Unternehmen die IT-Abteilung. „Ich muss nicht vom Gitarrenbauen leben“, sagt er. „Davon wird man nicht reich.“ 

Die Suche nach dem Holz

„Ich fertige vor allem E-Gitarren an – ich mag es schon sehr gern, wenn es laut wird“, sagt er lachend und nennt als Lieblings-Gitarristen Jimi Hendrix. Er mag es, wenn die Instrumente schön abgerockt sind, eine Patina haben, „sodass sie aussehen, als wären sie seit Jahrzehnten in Benutzung.“ Durch sogenannte Raw-Lackierungen erzeugt er Farben wie Denim, also den Indigo-Ton von Jeans. Zudem lässt er Rotwein eindampfen oder verwendet Holzkohlestaub. „Mein Faible sind natürliche Materialien.“ Eine weitere Schwäche hat er für heimische Hölzer wie Ahorn und Kiefer sowie gebrauchte Teile: „Ich habe eine Gitarre aus einer 400 Jahre alten Kirchen-Treppenstufe gebaut, aus der alten Wandvertäfelung eines Punk-Clubs und aus Brettern einer Schwarzwälder Scheune.“ Dafür hält er die Augen auf. Aus Gitarren, die eigentlich entsorgt werden sollen, fertigt er neue und lässt sie in einer „Reborn“-Serie wieder aufleben. „Man muss nicht immer alles gleich wegschmeißen. Man kann eine Gitarre ein Leben lang benutzen. Vor allem bei akustischen schwingt sich das Holz im Laufe der Jahre ein.“ 

Bei einer Personengruppe macht er allerdings eine Ausnahme: Rockstars wie Pete Townshend (The Who) dürfen ihre Gitarren gerne zu Kleinholz verarbeiten. Schließlich werden danach ja wieder neue gekauft …

Rockgitarren und Rockgitarristen

Rockgitarren haben das Vorteil, dass nicht der Klangkörper den Sound macht, sondern Gitarrenverstärker und Effektgeräte. Dadurch können Gitarrenbauer ihrer Fantasie freien Lauf lassen, wie z. B. bei der Gibson Flying V, bekannt durch Lenny Kravitz. Gitarren und Gitarristen sind für eine Rockband zentral, ohne sie geht’s definitiv nicht. Berühmte Gitarristen: BB King, der seine Gitarre Lucille nannte, die britischen Gitarrengötter Clapton, Beck, Page, der mit der Zunge spielende Jimi Hendrix, der immer noch unbekannte Martin Quittenton, George Benson, Nile Rodgers, Eddie Van Halen (baute sich seine Gitarre selbst), The Edge und viele andere …

#heimat Schwarzwald Ausgabe 35 (6/2022)

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