Rebell im Weinberg

Ein Winzer mit Machete statt Rebscher', der seine Liebe zum Wein am Amazonas entdeckt hat? Da sind wir mal neugierig. Auf geht's zu Heiko Feser

Text: Christine van Herk · Fotos: Baschi Bender

„Kommt einfach hoch zum Weinberg“, Heiko hat uns zur Weinlese eingeladen. Heute sind die letzten Reihen Muscaris dran. Seine alte Piaggio Ape steht am Fuß des Weinbergs und weist den Weg. „Das Ding ist wirklich einzigartig und nicht totzukriegen. 25 Jahre auf dem Buckel und springt immer noch jeden Morgen an, auch im Winter. Dabei schleppt sie ohne Murren schon mal 800 Kilogramm Trauben in die Weinerei“, wird er uns später über das nostalgische Gefährt berichten. Zunächst aber geht es einen kleinen Pfad entlang, vorbei an Obstbäumen und letzten Wiesenblühern. Während Heiko jedes Träubchen untersucht, einzelne rausschneidet und gleich im Weinberg lässt, erzählt er uns seine Geschichte.

Mach was mit Alkohol

Kaum den Zivildienst beendet, reist Jungspund Heiko (Jahrgang 1964) nach Südamerika. „Eigentlich wollte ich nur einen Freund besuchen, der ausgewandert ist, aber dann hab ich in Quito, also in Ecuador, ’ne Kneipe übernommen. Das hat sich irgendwie so ergeben“, sagt Heiko und das Schelmische in seinen Augen ist nicht zu übersehen.

Einige Zeit später folgt dann doch ein Studium der Ethnologie in Freiburg. Im Rahmen seiner Dissertation packt ihn erneut die Abenteuerlust. Heiko betreibt Feldforschung und lebt schließlich mehrere Jahre bei den Huaorani-Indianern, einem indigenen Volk im Amazonas-Tiefland. Eine prägende und lehrreiche Zeit: „Wie bei uns auch, muss man sich den Respekt und das Vertrauen dieser Menschen erst verdienen“, erzählt er uns. Das hat er dann ganz gut gemeistert, die Huaorani teilten mit ihm, auch und vor allem ihre köstlichen Alkoholika. „Die Huaorani stellen aus der Maniok-Knolle ein bierähnliches Getränk her, schmeckt sehr gut und vor allem bei jeder Familie anders. Das war faszinierend“, erzählt er uns.

Zurück in Deutschland arbeitet Heiko zunächst am Staatlichen Museum für Völkerkunde in Dresden. Dann lockt ihn schließlich die Liebe zurück in die alte Heimat nach Freiburg. „Bei den Huaorani habe ich besonders das Zusammensein genossen und die ausgelassenen Feste. Damals sagte ich mir: ‚Wenn ich irgendwann nach Deutschland zurückkehre, dann mach ich was mit Alkohol!‘“, erzählt er und lacht dabei. Die alte Schreinerei im Elternhaus seiner Frau steht leer, als ihm der zündende Gedanke kommt. Er wird Winzer und in die Werkstatt zieht die Weinerei Dr. Feser ein. Nachdem er seinen Wein irgendwann nicht mehr alleine trinken kann, geht’s mit dem Verkauf richtig los.

Konventionell? Nein danke!

Auch als Winzer bleibt Heiko abenteuerlustig und rebellisch. Konventioneller Weinbau kommt nicht infrage. „Wenn ich meine Weinberge umspate, brauche ich drei bis vier Wochen, mit Herbiziden wäre die Sache in zwei Stunden erledigt. Aber das Ausbringen von Spritzmitteln ist wirklich die unrühmlichste Arbeit, die du als Landwirt machen kannst, das widerstrebt mir. Im Sommer steh ich hier knietief im bunten Blumenmeer, es kreucht und fleucht“, erzählt er uns. Aktuell hat er über einen Hektar Reben mit ausschließlich pilzwiderstandsfähigen Sorten, kurz Piwis, genannt. Sie stammen vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg, den Experten in Sachen Piwi. „Die ersten zehn Jahre habe ich hier viel experimentiert. Hab die alten Reben rausgerissen, meine Piwis gepflanzt. Klar, es gibt einige feste Regeln, die muss man einhalten. Danach aber ist die Spielwiese groß“, begeistert er sich. Mittlerweile sind wir bei der Weinerei gelandet und die Ernte in der Abbeermaschine. Das Teil mutet etwas altertümlich an. Heiko lacht. „Ich habe mir schon andere, modernere ausgeliehen. Das Ding ist zwar aus den 1960er-Jahren, arbeitet aber am schonendsten. Keine scharfen Kanten, die mir alles zerhacken!“ Die Stiele und Schalen landen später wieder zwischen den Reben.

In der Weinerei möchte man bleiben. Backsteinwände, Kurioses und ein offener Kamin versprechen jedenfalls weinselige Abende. Bald sollen hier wieder Verkostungen stattfinden. Schließlich dürfen wir uns eine Etage tiefer begeistern – und fast ein bisschen gruseln …

Wir stehen im Weinkeller des Dr. Feser. Zwischen sanftem Kerzenlicht und geduldeten Spinnenfamilien schlummern Mata Hari und Routinier in dicken Eichenfässern. Die Weißen reifen dagegen in Stahltanks und locken mit so schönen Namen wie Orakel oder Été. „Für mich findet die kreativste Arbeit des Jahres im Keller statt, wenn ich meine Cuvées kreiere, probiere ich aus, wer zu wem passt und in welchem Verhältnis. Das fasziniert mich.“ Und was hat es jetzt mit den ganzen Macheten auf sich, die an der Wand hängen? „Die habe ich importiert, meine Wahl für alles: Pfähle anspitzen, Gras schneiden, Büsche kürzen.“ Den Machete schwingenden Winzer haben wir hier leider nicht in Aktion erlebt – dafür aber schlug sein Wein geschmacklich ganz schön ein!

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