Museums-Check: Museum Narrenschopf in Bad Dürrheim

In diesem Museum ist das ganze Jahr Fastnacht! Die Ausstellung lässt Besucher genau hinschauen – und selber mitspringen

Text: Petra Kistler Fotos: Joss Andres

Da stehen sie, die kunstvoll bemalten oder bestickten Häser, und rühren sich nicht. Der Fuchswadel aus Schömberg, der Pflume-schlucker aus Bonndorf, der Ahland aus Rottenburg, der Biß aus Rottweil, Narro und Faselhannes aus Bad Waldsee, die Hansel aus Schramberg, Schwenningen, Donaueschingen und Hüfingen. Als ob sie darauf warten, dass der erste Takt des Narrenmarschs erklingt, das Signal zum Jucken und Springen, zu dem das schwere Gschell die Begleitmusik liefert.

Auf 1200 Quadratmetern stehen im Bad Dürrheimer Narrenschopf, dem größten Maskenmuseum Deutschlands, gut 300 Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnet dicht beieinander. 73 Zünfte aus dem Südwesten und der Schweiz stellen ihre Masken und Kleidle in den drei Kuppelbauten im Kurpark aus. 68 davon gehören zur Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, dem Lordsiegelbewahrer der traditionellen Fastnacht, erklärt Hans-Jörg Kaufmann, viele Jahre Vorsitzender des Narrenschopfs. Die Vereinigung hat das Museum 1973 ins Leben gerufen.

Kann man so ein ungestümes und bisweilen sogar anarchisches Treiben wie die Fastnacht überhaupt in ein Museum stecken? So viel vorweg: Es funktioniert! Die schönsten Tage im Leben eines Narren sind ja viel zu kurz, um die Vielfalt des Mummenschanzes zu erfassen. 

Best of Häs: Von Cegokarten bis zu Walnüssen

Die vielen Details, die im närrischen Treiben rasant vorbeiziehen, kann der Besucher im Narrenschopf in aller Ruhe betrachten. Er kann die 1800 Cegokarten auf dem Häs des Spielkartennarros aus Zell am Harmersbach studieren, den Villinger Butzesel an den Ohren ziehen, sinnieren, wie der Schneckenhüslinarro wohl die wilden Tage verbringt, da er sich mit seinem fragilen Gewand schlecht anlehnen oder hinsetzen kann. 2500 Schneckenhäuser braucht es, bis ein Narr aus Zell am Harmersbach sein Häs beieinanderhat. 

Der Wolfacher Nussschalenhansel hat es auch nicht kommoder, sein Kleid besteht aus bis zu 3000 halben Walnussschalen. Kaum weniger Aufwand betreiben die Bad Dürrheimer Salzhansel. 900 Salzsäckchen und Glöckchen nähen sie an ein Kleidle. Nach Aschermittwoch müssen die winzigen Beutel gewaschen, gebügelt und wieder angenäht werden.

Hästräger im Fensterrahmen

Schwer trägt der Kappedeschle aus Radolfzell. Er hat einen sperrigen Fensterrahmen auf seinen Schultern, denn er durfte – so erzählt es Hans-Jörg Kaufmann – während der Besetzung der Stadt durch preußisches Militär sein Häs nur durchs Fenster zeigen. Der Kappedeschle, nicht dumm, hing sich den Rahmen um den Hals und spazierte damit kostümiert durch die Stadt.

Der Narrenschopf bedient alle Sinne. Auf Knopfdruck ertönen Heischesprüche, Narrenmärsche und die Klänge der Klepperle. Streckschere, Narrenwurst und Rätsche können ausprobiert werden. Eine Schnitzstation zeigt, wie aufwändig die Herstellung einer Maske ist – und am Beispiel der Arbeiten des Villinger Schemenschnitzers Manfred Merz und seines Kollegen Willi Bucher, wie kunstvoll die Arbeit mit Stechbeitel und Lindenholz sein kann.

Das Museum ist auch ein Geschichtsbuch der Narretei. Seit der Neukonzeption 2012 ist die Narrenschar nicht mehr nach Fastnachtslandschaften geordnet, sondern zu Themen gegliedert, die Entstehung und Zusammenhänge des Brauchtums deutlich machen. 

Fakt ist: Die Ursprünge der schwäbisch-alemannischen Fastnacht liegen nicht in grauer Vorzeit, als die Germanen mit Schellen, Rasseln und Karbatschen Winterdämonen vertrieben. Diese Deutung kam erst in der Wilhelminischen Zeit auf und wurden von den Nationalsozialisten protegiert, die die Fastnacht vereinnahmten, um von christlichen Traditionen abzulenken.

Die Fastnacht vs. Prinz Carneval

Die Fastnacht entspricht, wie der Karneval, dem christlichen Kalender. Fastnacht ist die Nacht vor dem vierzigtägigen Fasten, mit dem sich die Katholiken auf das Osterfest vorbereiten. Da im Spätmittelalter das Verbot fleischlicher Genüsse streng beachtet werden musste, wurde vorher über die Stränge geschlagen. Fastnacht und Karneval zeigten viele Jahre keine Unterschiede. 

Dem aufgeklärten Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts allerdings war die Fastnacht auf den Straßen viel zu derb; es feierte lieber mit Prinz Carneval und Hofstaat gepflegt im Saal oder hielt historisierende Umzüge ab. Eine Art Konterrevolution gegen den überhandnehmenden rheinischen Karneval fand Anfang des 20. Jahrhunderts statt: Traditionen wurden wiederentdeckt oder erfunden. Der Begriff schwäbisch-alemannische Fastnacht wurde erst Anfang
der 1920er-Jahre geprägt. Manche Tradition ist also jünger, als Brauchtumspfleger zugeben.

Die ersten Narren schwärzten ihr Gesicht mit Ruß oder bestäubten es mit Mehl. Kirchliche Prozessionsmasken, Teufel, Engel und Tiere waren die ersten Gestalten. Auch beim Häs wurde improvisiert: Wer kein Geld hatte, nähte Stofffetzen auf den Sonntagsanzug – die Urform der Blätzles-, Fleckles- oder Spättlesgewänder.

Die Vergleiche mit überregionalen Fastnachtsbräuchen im Narrenschopf zeigen, dass Fastnacht nichts mit Provinzialität und Abschottung zu tun hat, dass sie sich stets von außen inspirieren ließ. Handwerksgesellen, einst die Hauptträger der fastnächtlichen Bräuche, brachten von ihren Reisen stets neue Ideen mit: Der Bajass, der Domino oder der Harlekin stammen aus der italienischen Commedia dell’ Arte, die Polonaise aus Frankreich. Die Vielfalt der regionalen Volkskunst ist auch ein Grund, warum die schwäbisch-alemannische Fastnacht seit 2014 in der nationalen Liste des immateriellen Weltkulturerbes eingetragen ist. Im Museum Narrenschopf dürfen die Häser natürlich nicht nur in der Vitrine stehen, sondern auch springen: Besucher erleben das wilde Treiben ganzjährig dank Virtual Reality und schlüpfen in  die Haut eines echten Narren ...

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