Genuss pur: Ein Wochenende in Baiersbronn

Die meisten denken bei Baiersbronn an Sterneköche und Gourmettempel. Dabei ist das Dorf nicht nur reich an Sternen, sondern an Genüssen aller Art

Fotos: Jigal Fichtner
Tag 1

Eins steht fest: Die örtlichen Touristiker haben den Mund wirklich nicht zu voll genommen: „Mehr Schwarzwald gibt’s nirgends“, lautet der Slogan von Baiersbronn. Stimmt: Reichlich Wald, eine liebliche Landschaft, viel Historie und Schwarzwaldkultur in allen ihren Facetten. Aber das ist es nicht allein. Es ist ein gewisser – um es mal neudeutsch zu sagen – Spirit. Und den gilt es zu entdecken …

Freitag, 15:30 Uhr

Ob nur ein Wochenende reicht? Das könnte sportlich werden. Hier oben, auf der atemberaubenden Aussichtsplattform über dem kleinen Ellbachsee, zeigt das Örtchen nämlich seine wahre Größe. Wohin der Blick auch schweift: Baiersbronn! Alles hübsch grün verpackt, aber eben ziemlich viel Ort. Der Blick auf die Karte macht das Ausmaß noch deutlicher: Baiersbronn sieht aus wie eine Heugabel. Der verlängerte Stiel ist Baiersbronn-Zentrum, die Zinken (teilweise ziemlich lang) sind die Ortsteile. Und überall wartet etwas Besonderes: verwunschene Burgruinen, geheimnisvolle Seen, authentisches Schwarzwaldessen und zauberhafte Museen …

Freitag, 16:30 Uhr

Nächstes Ziel ist die Glashütte Buhlbach – die Geburtsstätte der Champagnerflasche. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte der damalige Besitzer Johann Georg Böhringer dieses ganz besondere Behältnis mit dem typisch vertieften, stabilen Boden und machte sie zum Exportschlager. Heute ist die Glashütte im Ortsteil Obertal ein Museum, und hier lässt sich bestens in Schwarzwaldgeschichte eintauchen. Sie erzählt nicht nur von Holz, Glasasche und harter Arbeit. Sondern auch vom Glasmännlein, dem Holländermichel und dem berühmten Märchen „Das kalte Herz“, das in Baiersbronn entstand.

 

Tag 2

Samstag, 10:00 Uhr

Der Sternekoch hat es gut gemeint – zu gut. Wie gut, dass ich hier im Wanderhimmel bin. So nennen die Baiersbronner ihr 550 Kilometer(!) umfassendes Wanderwegenetz. Zu Recht: Die Gegend ist nicht nur himmlisch, die Strecken nebst Rastplätzen sind bestens ausgebaut und gepflegt. Es gibt ehrenamtliche Wanderwegpaten, die dafür sorgen, dass alles tipptopp ist. Ziel ist heute der Rinkenturm oberhalb von Baiersbronn. Nach knapp anderthalb Stunden ist es geschafft. Ich auch. Aber dieser Blick und dazu dieser Duft nach Wald … Raufgehen und runterkommen ist das neue Mantra! Auf der Bergspitze befindet sich übrigens nicht nur dieser Turm, sondern auch der Rest eines Ringwalls. Wie alt er ist, wozu er diente und wem er gehörte – das weiß hier niemand. Er ist einfach nur herrlich verwunschen. Und so langsam wird klar, warum Baiersbronn auch ein wunderbarer Ort für Märchen und Sagen ist.

Samstag, 13:00 Uhr

Jetzt wäre auch wieder Raum für was Irdisches. Wanderhimmel hin oder her, irgendwie hat sich der kleine Hunger wieder ins Gepäck gemogelt. Da kommt auf dem Weg ins Tal ein kleiner Zwischenstopp in der Wanderhütte Sattelei gerade recht. Sie gehört übrigens zum Hotel Bareiss und lockt mit zünftigem Vesper sowie Kaffee und Kuchen. Alles sieht fantastisch aus und duftet verlockend: Die Wahl fällt schließlich auf die  Forelle aus der hauseigenen Fischzucht mit buntem Wildkräutersalat. Jetzt nur noch Beine und Seele baumeln lassen – ach ja, das Leben fühlt sich gerade so richtig an. Richtig schön! Zum Abschied gibt es noch einen heißen Tipp: Der Abrahamshof im Obertal sei ein besonderer Platz. Na, dann: In Sachen Schwarzwald-Spirit kann das ja nicht schaden …

 

Samstag, 16:00 Uhr

Mächtig und ehrfurchteinflößend steht er da. Wie ein Grandseigneur, der schon viel gesehen hat und den so schnell nichts erschüttern kann. Hofherrin Marion Schnittger-Nold und ihre Tochter Charlotte sind gerade dabei, frisch geerntetes Obst und Gemüse in einem alten Sandsteintrog zu waschen. Aus dem angebauten Stall ist das Kreischen einer Säge zu hören – es wird schwer geschafft hier. „Es gibt noch jede Menge zu tun“, lächelt Marion und lässt den Blick über das Haus schweifen. 2010 haben ihr Mann Peter und sie den alten Hof gekauft und es nicht eine Sekunde bereut, trotz all der Arbeit: Renovieren und instand setzen, dazu die Gartenarbeit, die Tiere und der kleine Hofladen. Wobei: kleiner Hofladen trifft es nicht ganz. Hier werden Gins, Brände und Essige aus eigener Herstellung verkauft, die wirklich ganz, ganz großes Kino sind! Dazu noch Eier von den emsig herumwuselnden Lachshühnern (eine kräftige, alte Zwiehuhn-Rasse mit bis zu vier Kilo schweren Hähnen), Honig von den eigenen Bienen und Obst – vorwiegend alte Apfelsorten. Ob ich auch mal den Garten sehen möchte? Was für eine Frage …


Das hier ist kein hübscher Bauerngarten mit ein bisschen Viehzeug. Das hier ist eine weitläufige Open-Air-Arche. Marion widmet sich nämlich mit Inbrunst alten, aussterbenden Rassen, seien es nun Pflanzen oder Tiere. Ich könnte noch Stunden mit ihr reden, die Tiroler Steinschafe ins Koma kraulen, mich durch die Köstlichkeiten des Hofladens futtern und einfach nur: sein. Aber ich gehe beim besten Willen nicht als aussterbende Rasse durch … Mist!