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Auf der Suche nach dem glücklichen Huhn

8.2 2016 // Leseprobe aus Ausgabe 3

Auf der Suche nach dem glücklichen Huhn

Wir kennen alle die Bilder von Hühnern in engen Käfigen: eingepfercht, krank, mitleiderregend. Dabei müsste man Eier auch anders und besser produzieren können, oder? Mal sehen, was unsere Reise ergibt …

Für die Suche nach dem glücklichen Huhn ist alles bereit. Eierkocher, um den Unterschied zu schmecken? Check! Hühnerzüchter, die uns in den Stall lassen? Erledigt. Hintergrundmaterial mit Zahlen, Daten und Fakten zur Geflügelwirtschaft? Ein ganzer Stapel … also los!

In Schönberg soll die Welt noch in Ordnung sein. Ein paar Kilometer südlich von Gengenbach rennen Hühner laut gackernd über die Wiese. Die Hennen freuen sich auf ihr Date mit dem Hahn – zumindest, wenn man der Eierpackung glauben darf. Oder ist das alles nur romantische Fassade? Sicher bin ich mir da nicht. Aber immerhin sind wir in der Ortenau, in Baden-Württemberg. Dem Bundesland, in dem die Tierdichte geringer ist, Regionalität großgeschrieben wird und es beschaulicher als im Norden und Osten Deutschlands zugeht.

Der Hof in Schönberg ist ein seit Generationen bestehender Familienbetrieb, den Martin Zapf im elften Jahr führt. Auf den ersten Blick wirkt er genauso romantisch wie die Vorstellung vom glücklichen Huhn. In der Einfahrt treffen wir auf den Senior-Chef. Mit ansteckender Ruhe begleitet er mich in das Büro von seinem Sohn, vorbei an einer Steinhenne mit der Aufschrift: „ … und lege jeden Tag ein Ei, dann hab ich sonntags frei.“ Gilt das auch für den Hühnerkönig? Wohl eher nicht, sagt das verschmitzte Lächeln des Familienvaters. Wir verstehen uns.

Die viele Arbeit hat er sich gewissermaßen selbst zuzuschreiben. Er hat zur richtigen Zeit richtig gehandelt, wie er selbst sagt. Das regionale Bewusstsein der Käufer und der hohe Lebensstandard im Süden Deutschlands – optimale Grundvoraussetzungen für eine regionale Produktion. Und Grundlage für die bäuerliche Erzeugergemeinschaft Zapf-Hof. Mehrere Familienbetriebe richten die Haltung und Fütterung ihrer Hennen an der gemeinsamen Philosophie aus. Im Stammbetrieb in Schönberg werden die Eier dann gesammelt, sortiert und verpackt. „So schaffen wir es, die enorme Nachfrage an Eiern zu decken“, sagt Zapf. Gleichgesinnte Kollegen werden integriert, Konsumenten wissen wo ihr Ei herkommt. Es gibt kein Ellbogen-Denken, stattdessen fühlt man sich gemeinsam stark.

Das Supermarktregal ist also prall gefüllt: mit Eiern aus Freiland-, Boden- und ökologischer Haltung. Die Eier werden vor dem Verkauf mit den Zahlen 0, 1, 2 oder 3 gekennzeichnet. Der Code verrät, woher das Ei kommt und wie das Huhn gelebt hat. Wem das egal ist, ignoriert ihn. Alle, die Bio- oder Freilandeier bevorzugen, sollten ein Ei in den Einkaufskorb legen, dessen Code mit 0 oder 1 beginnt. Bio-Eier kommen übrigens immer aus Freilandhaltung.

Alles ganz einfach also? Freiheit für die Hennen? Die Wirklichkeit ist komplizierter. Am allerliebsten wäre es uns doch, wenn ein glückliches Huhn das Frühstücksei direkt von der Wiese in den Eierbecher legt.

Denn wer isst freiwillig Käfigeier? Viele von uns – aber meist, ohne es zu wissen. Weil sie in Nudeln stecken. Oder ihr Dasein einem Kuchen verschrieben ist. Bei Fertigprodukten entfällt die Pflicht zur Kennzeichnung. „Verbraucher haben kein Bewusstsein für Endprodukte. In vielen Lebensmitteln sind Eier aus dem Ausland verarbeitet – und damit oft aus Käfighaltung“, sagt Zapf. Er möchte Kunden sensibilisieren und stellt deshalb auf diesem Markt seinen Fuß in die Tür. „Wir produzieren pasteurisiertes Vollei, auch für Bäcker in der Region, denen die Herkunft ihrer Rohstoffe am Herzen liegt.“ Das Ei wird dafür in der Schale wärmebehandelt. Die Konsistenz bleibt dieselbe, das Ei ist garantiert hygienisch und sicher.

Sind 12 000 Hühner viel oder wenig?

Auf dem Geflügelhof in Schönberg leben 30 000 Hühner. Die Erzeugergemeinschaft bringt es zusammen sogar auf fast 100 000. Klingt nach Massentierhaltung. Ist es aber nicht. In keinem Stall gackern mehr als 12 000 Hennen – im Verhältnis entspricht das einem Stall mit rund 40 Milchkühen. Für Profis überschaubar und wichtiger Teil der Zapf’schen Philosophie. Zum Vergleich: Ein Huhn im Legebetrieb hat zum Leben knapp ein DIN-A4-Blatt Platz, Zapfs Freilandhennen dagegen haben vier Quadratmeter Auslauf.

Doch was war zuerst auf dem Hof? Die Henne oder das Ei? Beim Geflügelhof Zapf ist die Antwort einfach: Die Küken erblicken in Brutfabriken das Licht der Lampen und werden dann in Scharen an den Hof geliefert: Eier legen, marsch!

Die Hennen legen braune und weiße Eier, große und kleine. Und das unabhängig davon, ob sie ökologisches Futter picken oder nicht. Zeit für den Selbsttest: Schmeckt man den Unterschied zwischen den Haltungsformen oder gar der Eierschalenfarbe? Der Eierkocher wird mit je einem Musterexemplar bestückt. Gepellt und halbiert machen einem unterschiedliche Dotterfarben Appetit auf mehr. Das Ei aus konventioneller Haltung hat eine schöne, kräftige Farbe. Aus dem einfachen Grund, dass dem Futter farbgebende Stoffe wie Paprikamehl zugefügt sind. Ginge es allein um die Optik, wäre dieses Ei unser Favorit.

Beim Geschmack allerdings merkt man einen kleinen Qualitätssprung zugunsten der Freiland- und ökologischen Eier. Sie schmecken intensiver. Die Eierschalenfarbe hingegen ist nicht geschmacksgebend, sondern vielmehr fürs Gefühl verantwortlich: Mit brauner Schalenfarbe assoziiert der Verbraucher ein Leben auf dem Bauernhof, bei weißen Eiern dagegen eine dunkle Käfighaltung.

Und jetzt kommen wir zu der Henne Herz: Je mehr Platz die Hühner zum Leben haben, desto mehr Land braucht ein Bauer. Der Kunde merkt das am Preis, und nicht jeder ist bereit, für den Leckerbissen am Morgen 40 Cent pro Ei zu bezahlen.

Leider wird der Verbraucher bei Bio-Eiern auch nicht mit einem gesünderen Produkt belohnt, sondern eher mit einem guten Gefühl beim Pellen. Die Gesundheit der Verbraucher ist nach Untersuchungen des Bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft mit allen deutschen Eiern gut bedient. Doch Hühner mit Auslauf sind glücklicher und Ihr wisst ja: Ist das Huhn glücklich, freut sich der Mensch. Ob man deswegen bei allen Freilandhühnern gleich von glücklicheren Hühnern sprechen kann, ist eine andere Geschichte.

Das weiß auch Franz Rudolf. Der rüstige Rentner aus Offenburg züchtet mit Leidenschaft Vögel. Darunter auch 14 Hühner, die als Legehennen in einem großen Betrieb in der Ortenau lebten. Er hat sie für einen Euro das Stück befreit. Eine Zeitungsannonce hat private Halter aufgerufen, Hennen aus dem Stall zu holen. Sie waren mager, das Gefieder war zerrupft. Bei unserem Besuch ein Jahr später picken sie gackernd mit vollem Federkleid auf der Wiese. Ein Grund dafür ist das Futter. In den Napf kommt, was bei Rudolfs vorher auf den Tisch kam: Nudeln, Kartoffelbrei, Salat, aufgeweichte Brötchen. Nicht schlecht!

Franz Rudolf ist durch und durch ein Macher. Zwei Ställe mit Gehege, ein Brunnen, der Garten. Alles made in Waltersweier. Ein aufwendiges Hobby – leben kann man davon nicht. Aber warum der Aufwand? „Ich habe die Legehennen geholt, damit sie ein schöneres Leben haben“, sagt er. „Das ist der einzige Grund.“

Zurück bei Zapfs. Am späten Mittag werden mir endlich seine „Mädels“ vorgestellt. Korrekterweise sind an dieser Stelle die Hähne zu erwähnen. Denn anders als viele andere Höfe gesellen sich zu den vielen Hennen ein paar männliche Partner. Sie sorgen für Ordnung und Struktur in der Herde. Zapf klopft an der Stalltür der Freilandhennen an: „Ich muss mich ankündigen.“ Zuerst hört man das Gegacker. Ruhiger als erwartet. „Das liegt an der Uhrzeit“, erklärt Zapf. „Um die Mittagszeit wird nur noch gescharrt, im Sand gebadet oder Rasen gekürzt.“ Klingt entspannt.

Der Geruch aber ist gewöhnungsbedürftig: Intensiv nach Huhn, ein wenig beißend, aber zumindest nicht nach Ammoniak. Das wäre ein Zeichen für eine zu hohe Tierdichte, eine stickstoffreiche Fütterung und gegebenenfalls kranke Hühner. Beim Zapf Hof hingegen können sensible Nasen den Duft von Oregano ausmachen, eine natürliche Prophylaxe gegen Würmer und Kolibakterien, die Freilandhennen zu schaffen machen können. Das Bayerische Staatsministerium für Landwirtschaft hat hierzu festgestellt: Die Keimbelastung auf der Eierschale ist bei Boden- und Freilandhaltung gleich und stellt generell kein Risiko dar. Wenn es beim Einkauf also um Hühnerglück geht, sind Freilandeier die bessere Wahl.

Und auch wenn Freilandhaltung in bäuerlicher Erzeugergemeinschaft nun auch nicht unbedingt romantisch ist: Die Hühner sind gesund und fit, die Eier lecker und den Bauern geht es gut. Das ist doch schon mal was![/fusion_text][fusion_text]

Text: Helen Pietschmann   Fotos: Michael Bode, Markus Dietze

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