0781 / 919705-0

Königin in Gummistiefeln

8.2 2016 // Leseprobe aus Ausgabe 3

Königin in Gummistiefeln

Baden stellt nach Ewigkeiten wieder die deutsche Weinkönigin. Josefine Schlumberger heißt die die junge Frau– Und erinnert uns an Pippi Langstrumpf. Nur dass Sie viel mehr von Wein versteht...

Es gibt Casting-Shows mit mehr Zuschauern. Mit mehr Bewerbern. Mit viel mehr Sendezeit im Fernsehen. Doch im Unterschied zu GNTM und DSDS hat die Siegerin bei der Wahl zur Deutschen Weinkönigin nach der Show tatsächlich einen Job. Ein Jahr lang in der ganzen Welt für Deutschen Wein werben. In Shanghai und New York, in Offenburg und Düsseldorf. Als Markenbotschafterin für die zehntgrößte Weinbau-Nation der Welt unterwegs sein. Von Amts wegen mitverantwortlich für das Image von 80 000 deutschen Winzern – und das in einer Branche voller Besserwisser … Halleluja!

Da hat sich Josefine Schlumberger ja was vorgenommen. Im vergangenen Jahr haben wir sie als Badische Weinkönigin am Rand der Badischen Weinmesse in Offenburg schon einmal getroffen, jetzt sind wir mit dem Auto auf dem Weg zum Weingut ihrer Eltern in Sulzburg-Laufen. Die erste Deutsche Weinkönigin aus Baden seit fast 20 Jahren – das allein wär schon eine Story wert.

Unsere Weinkönigin ist auf einem sehr besonderen Weingut aufgewachsen. Nicht besonders groß oder besonders erfolgreich – sondern einfach nur besonders.

Die Großeltern stammen aus Winzerbetrieben an der Mosel und in Rheinhessen. Und Papa Rainer ist ein Rebell. Auch wenn er sich selbst nie so nennen würde. Aber Rainer Schlumberger füllt mit voller Absicht naturtrüben Wein ab (den man natürlich nicht so nennen darf) und verzichtet dem Geschmack zuliebe auf die Amtliche Prüfnummer.

1985 hat das Weingut Schlumberger aus Laufen den ersten unfiltrierten Rotwein verkauft, inzwischen gibt es auch trüben Gutedel und einen Secco mit Feinhefe-Depot. Als einziges Weingut in Baden haben die Schlumbergers Huxelrebe* im Sortiment und machen aus der exotischen Rebsorte nicht nur Wein, sondern auch gleich noch einen formidablen Winzersekt.

„Wir gehen einfach unseren Weg“, sagt Rainer Schlumberger. „Wir sind so klein, dass wir unsere Weine so ausbauen können, wie wir es für richtig halten. Unseren Kunden ist nicht wichtig, ob unser Wein dem Gesetz nach Qualitätswein ist oder einfach gut schmeckt.“

Und nun ist die Tochter dieses Gegen-den-Strom-Schwimmers deutsche Weinkönigin. Eine 70-köpfige Jury hat die 21-jährige aus Laufen gewählt und damit in der Weinszene ein kleines Erdbeben ausgelöst.

Die Franken fanden die Wahl im Herbst nämlich gar nicht lustig. Seit sechs Jahren wartete die Weinbauregion darauf, wieder eine Deutsche Weinkönigin zu stellen – und dann erreichte ihre große Hoffnung Kristin Langmann nicht einmal das Finale. Als „absolut ungerecht“ empfand das Herrmann Schmitt, der Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbands, und denkt seither öffentlich über einen Boykott der Veranstaltung im nächsten Jahr nach. „Natürlich würde gern jede Region seine Königin durchsetzen“, sagt Josefine diplomatisch. „Alle 13 Kandidatinnen sind gut, jede würde eine gute Königin abgeben und es muss alles passen, damit es klappt.“

Mit Krone auf dem Kopf ist das Leben aber auch nicht einfacher. Zumal man nicht einfach am deutschen Weinrecht rütteln darf, um beispielsweise naturtrüben Wein salonfähig zu machen. „Die Weinkönigin ist eine Marke“, sagt Josefine. „Man muss sich anpassen. Es geht ein Jahr lang nicht um mich, sondern nur um das Amt. Dafür bin ich mehr auf Bahnhöfen und in Zügen als irgendwo sonst und muss damit leben, dass die Menschen mich auch dann erkennen und ein Selfie machen wollen, wenn ich nicht top gestylt bin.“

Apropos gestylt: Wer Deutsche Weinkönigin wird, muss shoppen gehen. Auf eigene Kosten. Es gibt weder eine Kleiderkammer für Königinnen noch genaue Vorschriften. „Man geht schon davon aus, dass wir wissen, wie wir uns zu kleiden haben. Modern und businessmäßig ist eigentlich immer richtig“, sagt Josefine und nickt, als ich aus Wikipedia zitiere: Bis 1981 war für eine Weinkönigin das Dirndl noch für jeden Fototermin vorgeschrieben – heute ist öffentliches Trachttragen verboten.

Zeit für Hobbys bleibt nicht viel. Reiten, Klavier spielen? Keine Chance. Kreatives Schreiben? Schon eher. Sport geht, aber nicht in der Mannschaft. Ihren Stammplatz als laufstarker Sechser bei der SG Staufen-Obermünstertal ist Josefine jedenfalls los, dafür ist sie jetzt spielberechtigtes Ehrenmitglied der Winzer-Fußballnationalmannschaft. Und diese Truppe spielt im Sommer nicht gegen die Damen von Eintracht Freiburg, sondern im Rahmen der Winzer-EM gegen Mannschaften aus Frankreich und Italien.

„Das ist das Schöne an diesem Titel“, sagt Josefine. „Man trifft unglaublich viele interessante Menschen und kann sich ein Riesennetzwerk aufbauen.“ Was damit möglich ist, führt Julia Klöckner vor. Die Kronprinzessin von Angela Merkel war 1996 Deutsche Weinkönigin, arbeitete ein paar Jahre als Chefredakteurin, zog in den Bundestag ein und hat gerade erst hauchdünn die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz verloren.

„Ich war nie der Prinzessinnenmensch, der unbedingt ein Krönchen wollte“, erzählt Josefine, während sie in Socken am Küchentisch sitzt. Ungeschminkt. Mit Familienhündin Jolie an ihrer Seite, die selig einen Markknochen bearbeitet. „Im Gegenteil. Vom Bürgermeister habe ich nach der Wahl eine Pippi-Langstrumpf-Puppe bekommen, damit ich nie vergesse, wer ich bin und wo ich herkomme.“

Und nach dem Jahr? „Ich möchte mein Weinbau-Studium in Geisenheim fortsetzen“, sagt Josefine. „Psychologie hab’ ich geschmissen, wäre also gut, wenn ich mal ein Studium zu Ende brächte.“

Um die Familientradition fortzuführen? „Vielleicht. Aber ich bin nicht der Typ, der seinen Papi gleich nach der Übernahme des Betriebs fragt. Auf jeden Fall aber möchte ich später nicht nur ehemalige Weinkönigin sein. Das wäre mir zu wenig.“

Zumal Deutschlands Weinwelt in Bewegung ist – und viele Chancen bietet. „Wir haben im Vergleich zu anderen Teilen der Welt nicht die Möglichkeit, im großen Stil industriell Wein zu erzeugen und ich glaube, wir wollen das auch gar nicht“, sagt Josefine beim abschließenden Weinverkosten. „Deutschland steht für kleingliedrige Rebflächen und viele Steilhänge, die nur von Hand zu bewirtschaften sind. Von der Qualität her liegen wir weltweit an der Spitze – und das längst nicht mehr nur beim Weißwein. Nur leider trauen sich viele Winzer nicht, für ihre Spitzenqualität auch einen wirklich angemessenen Preis zu verlangen. Wenn ich da vielleicht ein bisschen helfen kann – dann war ich eine gute Königin.“[/fusion_text][fusion_text]

Text: Ulf Tietge   Fotos: Markus Dietze

Du bist angesteckt vom #heimat-Fieber und willst keine Ausgabe verpassen?

#heimat im Abo

Zurück


Weitere Beiträge

Auf der Suche nach dem glücklichen Huhn

Auf der Suche nach dem glücklichen Huhn

Wir kennen alle die Bilder von Hühnern in engen Käfigen: eingepfercht, krank, mitleiderregend. Dabei müsste man Eier auch anders und besser produzieren können, oder? Mal sehen, was unsere Reise ergibt …

Weiterlesen

#heimat in der Waffel

#heimat in der Waffel

Wie in diesem Jahr der Schwarzwald schmeckt? Nach Haselnuss. Mit Sauerkirschen und Krokant. Anders ausgedrückt: einfach himmlisch …

Weiterlesen