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Eine Ode an das Leben

6.1 2020 // Leseprobe aus Ausgabe 20

Eine Ode an das Leben

NIRGENDS IN DEUTSCHLAND WERDEN DIE MENSCHEN SO ALT WIE IM HOCHSCHWARZWALD. WAS ALSO LIEGT NÄHER, ALS DIE ALTEN WÄLDER NACH IHREN GEHEIMNISSEN ZU FRAGEN – UND SIE ZU PORTRÄTIEREN. AM BESTEN IN WORT UND BILD – UND MIT RESPEKT

Alt werden ist das eine, glücklich sein das andere. Statistiker haben festgestellt, dass nirgendwo in Deutschland die Menschen älter werden, als im Hochschwarzwald. Was ist das Geheimnis? Gute Luft und Ski fahren? Täglich Speck und Schnaps? Oder einfach der Schwarzwald? Die Hochschwarzwald Tourismus GmbH hat dafür Journalisten in den Schwarzwald geschickt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. 15 dieser Wälder, wie man hier zu den Schwarzwäldern sagt, wurden daheim interviewt. Mit Manfred Baumann kam ein namhafter Fotograf aus Wien hinzu. Aus diesen Begegnungen entstanden ein Buch und eine Ausstellung, die für diesen Sommer in Hinterzarten geplant ist.

WILLENSSTARK, FLEISSIG UND ZIELSTREBIG

Die 15 hochbetagten Menschen sind alle noch fit – und gut drauf. Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte und doch gleichen sie sich im Charakter. Sie haben Lust am Schaffen, Freude an der Bewegung, Liebe zur Natur, viel Humor. Und einen starken Willen. Anton Rießle, zum Beispiel, der 91 Jahre alt ist und in Glashütte (St. Märgen) lebt. Auch er lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Als Rentner ist er immer noch umtriebig, wandert gerne. „Ich will da nuff“, sagte er als, er auf dem Weg zur Wallfahrtskirche auf dem Hörnleberg stürzte. Andere Wanderer wollten ihn wegen der Platzwunde schon ins Krankenhaus schaffen, er aber wollte da nuff. Störrisch oder stoisch? Fakt ist: Anton Rießle ging rauf und wieder runter. Theresia Hermann (Jahrgang 1928) aus Spriegelsbach fuhr lange Zeit Rad, bis es sie mit 80 Jahren umgespitzt hat, wie man hier oben sagt. Seither geht sie zu Fuß in die Kirche. Auch Karolina Kern (Jahrgang 1928) ist Optimismus pur, sie singt seit jeher gerne, sie spielt mit ihren Freundinnen Cego und auch im hohen Alter kocht sie sich täglich ihre Mahlzeiten. Edelbert Faller (83) wandert immer noch, auch Langlauf ist Programm. Beim Erzählen von früher, sagt er „irgendwas mache“, und klopft sich dabei aufs Herz. Irgendwas machen? Nein, es war nicht irgendwas. Edel, wie ihn seine Freunde rufen, übernahm 1966 den elterlichen Hof, geheiratet hatte er schon, dann kamen vier Kinder auf die Welt. Mit Milchkühen hat er sein Geld verdient. 1968 wurde er gar Biobauer, aber heimlich. Wie war seine Work-Life-Balance? Hatte er Urlaub? Gab es Zuschüsse, wenn die Kühe wenig Milch gaben? Edelbert Fallert wohnt mit seiner Frau Anna im Molerhof, der so heißt, weil „da war ä Moler druff“. Die Fahrt dorthin ist eine elendige Kurverei über schmale Waldstraßen, vorbei an einsamen Gehöften, über Wiesen, wieder durch Tannen, bis links ein stattliches Bauernhaus steht. Dahinter liegt eine sumpfige Wiese mit Kühen, daneben ein Bauerngarten mit Holzhag. Fast könnte man meinen, das sei das Ende der Welt. Ist es nicht, versichert ein lachender Edel. Seine Frau ist bei ihm, aus seinen Kindern ist was geworden, er hat viele Freunde, Bienen, einen Garten – und viele schöne Erinnerungen. Im Wohnzimmer sind viele Fotos, aus den vergangenen Jahrzehnten. Sie zeigen Kinder und Eltern bei Festen und Ausfl ügen. Als junger Bursche konnte Edel nicht werden, was er sich vorgenommen hat. Er wollte fort, durfte aber nicht. Er wäre gerne Metzger geworden, auch das erlaubte man ihm nicht. Skifahren war seine große Leidenschaft. Es war ihm verboten. Wer hätte den Hof gemacht, wenn er gestürzt wäre? Und doch – auch rückblickend: In seinem Blick fi ndet sich kein Gran Bitterkeit.

Anderswo im Hochschwarzwald war’s ähnlich. Theresia Hermann wäre lieber Näherin geworden, musste aber in der Hotellerie im Service arbeiten. Die alleinerziehende Rosina Schweizer (Jahrgang 1929) hatte eigentlich gar keine Chance, bekam aber trotzdem eine und wurde „Mädchen für alles“ auf dem Raimartihof beim Feldsee. Karl Waldvogel (Jahrgang 1933) aus dem Jostal war ein Hüterbub‘. Wie so viele baute er sich etwas Eigenes auf. Und der mal „Jörgl“ oder „Schorsch“ genannte Hirtenjunge, der keine Schuhe hatte, wurde als Georg Thoma (82) zum weltbekannten Skispringer und Olympiasieger.

GROSSE VERANTWORTUNG

Wenn man den Leuten zuhört, dann wird eines klar. Keiner beklagt sich. Ja, sie schauen mal nachdenklich, aber es war, wie es war. „Mein Leben ist immer hart gewesen“, sagt der Schaffer Karl Waldvogel. Edels Wort von „irgendwas mache“ hört man immer wieder, nur etwas anders. „Man muss immer was schaffe“, sagt Anton Rießle, der sein „Heimatdörfle“ nie verlassen hat. „Es war Kriegszeit und darum mussten wir immer helfen und daheim immer schaffen“, stellt Theresia Hermann nüchtern fest. Und Annemarie Schwörer sagt mit singender Stimme: „Arbeit macht das Leben schön.“ Aber war’s nur das Schaffen? Es gab den Partner, die Kinder, manchmal kranke Angehörige und den Hof, Wald und Weiden. Also konnte gar nicht gezaudert oder gejammert werden. Manche traf es hart. Annemarie Schwörers Mann musste, weil er ins Haus seiner Frau zog, gar den Beruf wechseln. Aus einem Schneider wurde ein Holzfäller! Viele dieser Wälder haben sich ihre kleinen oder großen Freiheiten erkämpft. Edel lernte in seiner Freizeit das Metzgerhandwerk und zog im Winter von Hof zu Hof, um Kühe und Schweine zu schlachten. Als er später mehr Freizeit hatte, fuhr er endlich Ski und nahm am Wasa-Lauf in Schweden teil. Seinen Kindern hat er natürlich den Sport nicht verboten, ein Sohn wäre fast Profi geworden. Annemarie Schwörer hat die Blumen entdeckt und Theresia Hermann, die nie Näherin werden durfte, saß halt daheim an der Pfaff und nähte für sich und die Kinder. Jetzt findet man sie immer im Garten oder auf dem Bänkchen mit Blick auf die Saiger- Höhe und ihren Garten. Und klar: Auf dem Bänkchen steht „Lieblingsplatz“.

IMMER ETWAS ZU SCHAFFE

Für all diese Menschen wurde der Schwarzwald zum Lieblingsplatz, auch wenn manch einer lieber fortgegangen wäre. Auch wenn’s selten zum Traumberuf gelangt hat, unglücklich ist keiner geworden. Die wenigsten reisten dann in die Welt. Ein Ausfl ug mit dem Bus zu einem Blumenfest in den Vogesen oder an den Bodensee gehört für viele immer noch zu den ganz wunderbaren Erinnerungen. Bis heute ist es nicht so wichtig, was es zu essen gibt, manchmal waren es nur Reschtle, wichtig ist, dass man nicht alleine am Tisch sitzt. Der Garten ist für die einen eine wunderbare Sache, für den anderen sind es die Bienen, das Cego spielen oder das rote Moped wie bei Helmut Kürner (89), der dann noch Schuster geworden ist – aber erst mit 66 als Rentner. Eine gewisse Leidenschaft für etwas schadet nicht, aber auch Humor ist gut, auch die Lust am Singen, für die einen das Beten „für die wo da sind, krank sind oder gestorben sind.“ „Hoch leben die Wälder“ ist als Titel für diese außergewöhnliche Ausstellung nicht verkehrt. Die Jüngeren müssten sich ganz schön strecken, um dahin zu kommen. Es mag schon interessant sein, dass die eine, wie es damals Tradition war, noch in Schwarz geheiratet hat, der andere keine Schuhe hatte, der nächste bis zum Umfallen schuftete oder eine sich sogar an jenes Dorf erinnern kann, das im Schluchsee unterging. Das sind alles interessante Geschichten, die kaum zu glauben sind. Welche hochschwangere Frau wurde im Schlitten zum Kreißsaal gebracht? Aber wird man damit alt – und glücklich? Was wirklich zählte, war, dass dann junge Burschen den Schlitten zogen, als die Pferde nicht mehr konnten, dass man schaffte, nicht für sich, sondern für den Hof und alle die darauf lebten, dass man lachte, aber nicht alleine und das alles seine Zeit braucht und Zeit hat – und alles zur rechten Zeit kommt.

AUSSTELLUNG & BUCH

Fotoausstellung: „Hoch leben die Wälder“ Freitag, 3. Juli bis 26. Juli 2020, von 10 bis 18 Uhr Kurhaus Hinterzarten, Freiburger Straße 1 Das Buch zur Ausstellung ist im Novum Verlag erschienen: „Hoch leben die Wälder“ www.hochschwarzwald.de

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